Gesprächsanlässe
Anschaulichkeit gilt in
der Naturwissenschaftsdidaktik als erstrebenswertes Prinzip. Wir hätten gerne
eine einfache, naïve, unkomplizierte Anschaulichkeit wie in unseren Kindertagen:
die Dinge zum Anfassen und zum damit Spielen. Nun sind aber die naturwissenschaftlichen
Begriffe und Zusammenhänge meist abstrakt; aus dieser Sehnsucht nach dem Anschaulichen
erwuchs eine Fachdidaktik, die auf Modelle setzte, die Modelle kultivierte -
aber diese nicht (ausreichend) reflektierte.
Was ergab sich aus diesem
verständlichen, aber in vielen Fällen in die Irre leitenden Ansatz? Eine weltweite
Trivialisierung der Atomistik ("anschauliche" Kügelchen statt ein Verständnis
von der "Andersweltlichkeit" (R. FLADT) der Atome), völlig mißverständliche
Vorstellungen von den naturwissenschaftlichen Begriffen Energie und Entropie,
u.s.w. Die Begriffsbildung bleibt in diesen Fällen beim Anschaulichen stehen
und führt nicht weiter in die notwendige Abstraktion. Veranschaulichung, unreflektierte
Modelle sind somit durchaus auch kontraindiziert für den Lernprozeß abstrakter
Begriffe. Abstraktion aber heißt: Abziehen von der visuellen Anschauung, vom
Anfassen und auf der Haut spüren können. Abstraktion heißt: Abschied nehmen
von den visuellen und materiellen Bildern. Abstraktion heißt: Dekonstruieren
von solchen Vorstellungen, Auflösen von "Modellen", bis der Kasten sozusagen
leer ist, und nur noch ein (verläßlicher, aber eben unanschaulicher) abstrakter
Begriff übrig geblieben ist. Diesen Zustand kann ein Anfänger wohl nicht in
einem Direttissima-Anstieg erreichen; er wird die Anschauungshilfe vorübergehend
benötigen. Aber er muß sie auch wieder abbauen, überwinden können. Sonst bleibt
der Lernprozeß auf halber Strecke stehen. Dies ist der durchgängige Befund einschlägiger
Untersuchungen.
Solche Dekonstruktionsbemühungen
stehen im Mittelpunkt des Projekts "Gesprächsanlässe". Es ist insofern im Bereich
der Medienentwicklung anzusiedeln, als konkrete Objekte und Installationen für
den gezielten fachdidaktischen Einsatz entwickelt werden . Von den herkömmlichen
Medien unterscheiden sie sich aber insofern, als diese Objekte und Installationen
gerade auf Befremden, auf Distanzierung und Aporien hin entwickelt werden, um
die Kluft zwischen trivial (d.h. alltagssprachlich) verstandenen Fachbegriff
und dem Fachbegriff als Abstraktum überspringen zu können. Solche Objekte und
Installationen transportieren also nicht Informationen über Begriffsinhalte,
sondern bereiten auf eigentätige [Fach]Begriffsbildung vor. Das Gespräch über
solche Objekte ist unerlässlich, daher werden solche "Objekte" als Gesprächsanlässe
bezeichnet.
Zahlreiche Objekte wurden
bisher entwickelt. Sie wurden im Chemieunterricht der Sekundarstufe I in der
Hochschullehre und bei Lehrerfortbildungen eingesetzt. Nachstehend wird ein
typisches und häufig eingesetztes Objekt beschrieben und gezeigt:
Ein kleiner Holzkoffer,
geschlossen, steht auf dem Tisch. Um ihn sitzen drei Schülerinnen, zwei Schüler
und ein Lehrer. Auf dem Deckel des Holzkoffers ist ein Etikett geklebt:
Was auf dem Koffer steht
ist ernst gemeint, ist "wahr". Es sind tatsächlich 5,4 · 1026 Protonen, ebensoviele
Elektronen und 5,6 · 1026 Neutronen in diesem Koffer; der Lehrer hat sich Mühe
gegeben, diese Zahl so gewissenhaft wir nur möglich zu ermitteln. Er stützt
sich mit der Hand auf dem Deckel des Koffers. Völlig unklar ist diesen Neuntklässlern,
was 5,4 · 1026 Protonen bedeutet. Wirklich vorstellbar ist das auch nicht, aber
was es meint kann hingeschrieben werden: Es handelt sich um die Anzahl 54 0
000 000 000 000 000 000 000 000. Eine ziemlich große Zahl also. Gelegentlich
frägt ein Schüler, wie man eine so große Zahl überhaupt ermitteln kann, denn
Zählen scheintbei dieser Größe ja ausgeschlossen. "Man rechnet sich das aus;
man zählt nicht eins nach dem anderen." - das genügt meist als Antwort. Also
5,4 · 1026 Protonen, ebensoviele Elektronen und 5,6 · 1026 Neutronen sind in
diesem Koffer - das kann als verbürgt gelten. Was aber werden wir sehen, wenn
wir den Deckel aufmachen? "Nichts!" "Kugeln vielleicht, so Styroporkugeln!"
"Oder einfach nur Luft, denn 'nichts' kann ja nicht drin sein; da sind doch
Ritzen im Deckel!" Einer hebt den Koffer ein wenig an: "Nein, da is'n Stück
Eisen drin!" ".. oder ein Backstein..." "Da kann einfach alles drin sein!" -
Meist ist eine oder einer dabei, die diesen Gedanken vorbringen. Gegenfrage:
"Was meinst du mit 'alles'?" "Na, alles, weil doch alles aus Protionen, Neutronen
und Elektronen besteht!" Das war ja auch der Lehrstoff der vorangegangenen Stunde.
"Aber leuchtet das allen ein?" "Ja, eigentlich einleuchtend!" Was stellst du
dir also vor, was du sehen wirst, wenn ich den Koffer aufmache? "Einen Backstein."
"So Holzkugeln, die sind schwerer als Styropor." "Ein Stück Eisen" "Und du?"
- "Ich weiß nicht - alles einfach!" "Und du?" - "Was der Markus sagt: ein Backstein
vielleicht." Wir machen den Koffer auf. Alle fünf sind doch einigermaßen überrascht,
was sie sehen:
(Durchweg immer sind die
Schüler an dieser Stelle überrascht, obwohl sie zum Teil doch schon verstanden
haben, um was es geht.) Dieses Das-kann-doch-alles-sein! war meist ein abstrakter
Gedanke, graue Theorie also, nicht das bunte Leben. Und die regelmäßig vorgeschlagenen
Kugeln oder Eisenstücke oder andere einfache Füllungen spiegeln was die Schüler
in ihrem Chemieunterricht erleben: sie sind gewohnt an einfach, simple, modellhafte
und konstruierte Lösungen, die Vielfalt kommt selten (oder gar nicht) vor. Was
es heißt: Alles besteht aus Protonen, Neutronen und Elektronen - dieses Stück
Koralle, diese Fischdose, dieses Katzenbüchlein, der abgebrochene Oberschenkelknochen
links - alle Gegenstände, auch unsere menschlichen Körper, sogar die Luft: alles
ist aus Protonen, Neutronen und Elektronen aufgebaut. Sie selber können nicht
vielfältig, bunt, hart, elektrisch leitend usw. sein. Sie sind aus einer anderen
Welt, in der es wohl nur ganz wenige Eigenschaften geben kann. Protonen, Neutronen
und Elektronen sind keine Gegenstände, keine Stoffe, sondern machen erst die
Gegenstände, die Stoffe. Wenn das erlebt ist, hat der Koffer seine wichtigste
Aufgabe erfüllt. Man kann den Deckel wieder zumachen. Vertiefend können wir
zusammen der Frage nachgehen, wie der Lehrer denn auf diese angegebenen Zahlen
gekommen ist. Er kann dies einfach nur an einem Beispiel, z.B. am Aragonit-Kristall
erklären, oder man kann dies mit der Gruppe gemeinsam tun. Es ist eigentlich
nicht schwer: Man braucht Kenntnis von der Masse eines Protons, Elektrons und
Neutrons, die atomare Zusammensetzung und das Gewicht der einzelnen Stoffportionen
und die Protonen/Neutronenverhältnisse der betrachteten Atomsorten. Danach ist
alles nur noch (gelegentlich mühsame, aber nicht schwierige) Rechnerei.
Bisher wurden verschiedene
Ausstellungen solcher Objekte veranstaltet:
- Vom 13.-16. Oktober 1994
im Didaktikum Aarau, Schweiz: Ausstellung mit dem Titel Objekte, die sich
reimen - Fachdidaktische Objekte (33 Objekte, die Gesprächsanlässe bei der
Thematisierung chemischer und chemiedidaktischer (abstrakter) Begriffe bilden
können)
- Vom 13.-17. März 1995
in der Staatlichen Akademie Donaueschingen: Ausstellung mit dem Titel: Fachdidaktische
Objekte (23 Objekte, die Gesprächsanlässe bei der Thematisierung chemischer
und chemiedidaktischer (abstrakter) Begriffe bilden können)
- Vom 20. August bis 27.
September 1996 in der Phänomenta Flensburg: Gemeinschaftsausstellung mit Matthias
Marx, Flensburg mit dem Titel Fundstücke (32 Objekte zu abstrakten Begriffen)
- Vom 18. Dezember 1996
bis 13. März 1997 in der Hogeschool de Driestar, Gouda, Niederlande: Ausstellung
mit dem Titel Elf filosofische begrippen (14 Objekte zu abstrakten Begriffen
- In den Jahren 1997,
1998, 1999 und 2000 jeweils in der 2. Oktoberwoche anlässlich von Lehrerfortbildungsveranstaltungen
für Chemielehrer an Realschulen an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg
Prof. Dr. Peter Buck Pädagogische
Hochschule Heidelberg, Math.-naturw. Fakultät Im Neuenheimer Feld 561 D-69120
Heidelberg Tel. (06221) 477290, Fax. (06221) 477478 E-mail: Buck@ph-heidelberg.de
Bearbeiter: Pro. Dr. Peter Buck # 8. Januar 2001
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