Ergebnisse des Workshops

Eine Gesellschaft offenbart sich nirgendwo deutlicher als in der Art und Weise, wie sie mit ihren Kindern umgeht. Unser Erfolg muss am Glück und Wohlergehen unserer Kinder gemessen werden, die in einer jeden Gesellschaft zugleich die verwundbarsten Bürger und der größte Reichtum sind.

Nelson Mandela

 

Heidelberger Erklärung

zur Frühkindlichen und Elementarbildung

 

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin Merkel,

sehr geehrte Frau Bundesministerin für Bildung und Forschung,

sehr geehrte Frau Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend,

sehr geehrter Herr Bundesminister der Finanzen,

sehr geehrte Kultusministerinnen und Kultusminister

sehr geehrte Sozialministerinnen und Sozialminister,

sehr geehrte Jugendministerinnen und Jugendminister

sehr geehrte Ministerinnen und Minister für Wissenschaft und Forschung,

und sehr geehrte Vertreter der Wirtschaft!

Kinder sind Deutschlands Zukunft!

Ein Land, das wenig Bodenschätze oder andere Reichtümer sein Eigen nennen kann, dessen Gesellschaft sich zunehmend in Richtung Wissensgesellschaft entwickelt und auch als solche verstanden werden will, tut gut daran, sich auf seine Kinder als höchstes Gut und bedeutendste Ressource zu besinnen! Der kostbare Schatz früher Jahre will gehütet und gefördert werden, denn zu keinem Zeitpunkt sind Kinder lernbereiter, aufnahmefähiger und motivierter zum Entdecken der Welt als in den frühen Jahren der Kindheit und im Vorschulalter.

Die frühkindliche Bildung ist eine, wenn nicht die wichtigste und beste Investition

in die Zukunft unserer Gesellschaft.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des dreitägigen Workshops „Frühkindliche und Elementarbildung. Bestandsaufnahme und Zukunftsperspektiven“, der vom 10.-12. April im Studio der Villa Bosch in Heidelberg stattfand, waren sich einig, dass die frühkindliche Bildung eine der ertragreichsten Anlagemöglichkeiten in die Zukunft unserer Gesellschaft darstellt. Die ungewöhnliche, aber gewinnbringende und synergetische Allianz von Personen und Themen aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Studium und Ausbildung, Gewerkschaft und Trägern von Einrichtungen aus dem Früh- und Elementarbereich unterstreicht die Bedeutung der frühen Bildung und Entwicklung nicht nur aus psychologischer und pädagogischer sondern auch aus gesellschaftlicher und volkswirtschaftlicher Perspektive.

Wie Lernforschung und Entwicklungspsychologie zeigen, sind die ersten Lebensjahre entscheidend für Entwicklung, Erziehung und Bildung. Für diese Phase der höchsten Lerngeschwindigkeit im gesamten Lebensverlauf müssen anregende Lernumgebungen bereitgestellt und gesichert werden, in denen Kinder ihr natürliches Interesse und ihre selbstverständlichen Lernfähigkeiten ausleben können. Hierfür benötigen sie die besten Erzieherinnen und Erzieher an ihrer Seite, die dieser Verantwortung auch gerecht werden können. Diese pädagogische Aufgabe erfolgreich zu leisten, erfordert überschaubare Kindergartengruppen, großzügige Verfügungszeiten für Planung und Qualitätssicherung sowie sehr gut ausgestattete und ästhetisch anregende Einrichtungen, deren Innen- und Außenräume den Bedürfnissen von Kindern entsprechen.

Lernen ist ein sozial interaktiver Prozess, in dem Kinder voneinander, aber insbesondere auch von den Kompetenzen erfahrener und bestens ausgebildeter Interaktionspartner/-innen und von Vorbildern profitieren. Das Fachpersonal muss folglich, wie im übrigen europäischen Ausland auch, über eine akademische Ausbildung verfügen, in welcher sie die erforderlichen Handlungskompetenzen sowie ein breites und fundiertes Wissen über Entwicklungs- und Bildungsprozesse erwerben können, so dass sie Bildungsprozesse über die Institutionen hinweg anschlussfähig gestalten können. Alternativ müssen Qualifizierungsmaßnahmen verfügbar sein, die darauf zugeschnitten sind, dass das berufserfahrene pädagogische Personal durch qualifizierte Weiterbildungen den „state-of-the-art“ ihrer Disziplin erzielt.

Für den Bereich der frühkindlichen Bildung und Entwicklung hat dies Konsequenzen, die nicht mehr schöngeredet werden können: Die Rahmenbedingungen für frühe Bildung müssen drastisch verbessert werden. Dazu muss zwingend mehr Geld als bisher investiert werden. Entscheidend sind kontinuierliche Qualitätsentwicklungs- und -sicherungsmaßnahmen, wie

1.      bundeseinheitliche und europaverträgliche Rahmenrichtlinien (Kerncurricula)

2. bundeseinheitliche Steuerung und Weiterentwicklung des Systems (staatliche Planungsgrundlagen)

3.      Aufwertung und Anerkennung des Berufsbildes durch Anhebung der Gehälter zumindest auf das Niveau der Grundschullehrerinnen und -lehrer

4.      Bedarfsgerechter Ausbau des Systems der frühen Bildung zur Verbesserung der Lebensbedingungen und -qualität von Familien

5.      Bereitstellung von Forschungsmitteln, um handlungsfähige, tragfähige und nachprüfbare Konzepte der frühkindlichen und Elementarbildung zu entwickeln

6.      Intensivierung der Kooperation zwischen Fach- und Hochschulen

7.      Eine Qualifizierungs- und Professionalisierungsoffensive für das Fachpersonal in Früh- und Elementarbildung: Berufsneulinge sollten zumindest einen Bachelor-Abschluss erwerben. Für berufserfahrene Erzieherinnen und Erzieher sind kontinuierliche berufsbegleitende Weiterbildungsangebote zu entwickeln

8.      Schaffung eines verbindlichen und strukturierten Fortbildungsangebotes

9.      Schaffung von Masterstudiengängen zur Qualifizierung des wissenschaftlichen Nachwuchses

10.    bundesweiter Ausbau des Studienplatzangebotes

11.    Ständige Evaluation von Bildungs- wie pädagogischer Qualität als Standard

Ausgaben für den Früh- und Elementarbereich sind Investitionen von hohem volkswirtschaftlichem Ertrag.

Ein zuversichtlicher Blick unserer Gesellschaft in die Zukunft wird möglich, wenn das Bedürfnis von Kindern nach bestmöglicher Erziehung und Bildung auch finanziell gesichert wird. Die Bundesregierung sollte rasch entscheiden, wie viel ihr die Bildung und Erziehung der Kinder dieses Landes wert ist. In der fortdauernden Debatte um die Weiterentwicklung des Systems der Tageseinrichtungen weisen finanzielle Gegenargumente auf ein grundsätzliches Bewertungsproblem hin, aus dem ein Verteilungsproblem der zur Verfügung stehenden Mittel folgt. In der Diskussion wird zudem ignoriert, dass eine gute Früh- und Elementarbildung die zurzeit benötigten Kosten für spätere Fördermaßnahmen sparen hilft. Damit die erforderlichen Investitionen in die Früh- und Elementarbildung nicht weiter uneingelöst bleiben, ist sie von Bund, Ländern, Kommunen und freien wie öffentlichen Trägern als Pflichtaufgabe von hohem Stellenwert zu begreifen und zu deklarieren. Differenzierte Zuständigkeiten, Organisationsstrukturen sowie weit reichende Gestaltungsfreiheiten von Ländern, Kommunen und Trägern dürfen dabei einer Anerkennung der frühkindlichen Bildung als öffentliche Pflichtaufgabe nicht entgegen stehen. Künftig wird es unverzichtbar sein, den Elementarbereich unter Wahrung seiner Besonderheiten und Eigenständigkeit als Teil des Bildungssystems zu definieren, darauf aufbauend konsequent weiter auszugestalten und gleichrangig mit den anderen Bildungsstufen zu behandeln.