Erfassung, Dokumentation und Analyse längsschnittlicher Daten von sprachentwicklungsgestörten und sprachunauffälligen Zwillingen

„Zwillingsforschung"

(DFG-Az.: Scho 311/5-2)

Abschlussbericht

Juni 2000

Hermann Schöler
Pädagogische Hochschule Heidelberg
Fakultät IPsychologie in der Fachrichtung Lernbehindertenpädagogik

1. Allgemeine Angaben

DFG-Geschäftszeichen:
Scho 311/5-2

Antragsteller:
Prof. Dr. Hermann Schöler, Dipl.Psych.
Pädagogische Hochschule Heidelberg, Fakultät I,
Psychologie im Fach Lernbehindertenpädagogik

Thema des Projekts:
Erfassung, Dokumentation und Analyse längsschnittlicher Daten von sprachentwicklungsgestörten und sprachunauffälligen Zwillingen

Förderungszeitraum:
1. April 1999 - 31. März 2000

Liste der Publikationen aus diesem Projekt:

1. Stamm, K., Schöler, H. & Weuffen, M. (2000). Zur Bedeutung perinataler Komplikationen und genetischer Einflüsse bei Sprach- und Sprechstörungen - Eine Untersuchung an sprachauffälligen und -unauffälligen Zwillingen (Arbeitsberichte aus dem Forschungsprojekt „Differentialdiagnostik" Nr. 7). Heidelberg: Pädagogische Hochschule, Erziehungs- und Sozialwissenschaftliche Fakultät. (Anlage 1)

verkürzt eingereicht unter dem Titel Zur Bedeutung perinataler Komplikationen bei Sprach- und Sprechstörungen - Eine Untersuchung an sprachauffälligen und -unauffälligen Zwillingen bei Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie.

2. Stamm, K., Schöler, H. & Weuffen, M. (2000). Ist die Qualität von Kinderzeichnungen ein valider Indikator für mentale Reife, allgemeine Entwicklung und sprachliche Leistungen? (Arbeitsberichte aus dem Forschungsprojekt „Differentialdiagnostik" Nr. 8). Heidelberg: Pädagogische Hochschule, Erziehungs- und Sozialwissenschaftliche Fakultät. (Anlage 2)

eingereicht bei Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie

3. Schöler, H., Stamm, K. & Weuffen, M. (2000). Are perinatal hazards and prematurity factors for language disorders? Evidence from a twin study. Poster anl. VI. Meeting of the ‚European Child Language Disorders Group‘, 22. - 25. Juni 2000, Schloss Maurach.

2. Arbeits- und Ergebnisbericht

2.1 Ausgangsfragen und Zielsetzung des Projekts

Im Rahmen des Projektes wurden Daten von 174 eineiigen (EZ) und zweieiigen (ZZ) Zwillingen (87 Zwillingspaaren) kodiert, dokumentiert und analysiert. Die Daten wurden zu Zeiten der ehemaligen DDR von Frau Dr. Maria Weuffen (Greifswald) erhoben und wurden bislang nicht maschinenlesbar erfasst und ausgewertet.

Nach Einschätzung des Antragstellers und Berichterstatters sollten die Daten einen Vergleich zwischen unauffälligem und gestörtem Spracherwerbsverlauf bei eineiigen und zweieiigen Zwillingen ermöglichen, um damit einen wesentlichen Beitrag zur rezent diskutierten Frage nach hereditären Bedingungsfaktoren für Sprachentwicklungsstörungen liefern zu können. Über diese Frage der genetischen Bedingtheit hinausgehend sollten aufgrund der Daten u. a. die Frage der Prognose schulischer Leistungen aufgrund vorschulischer Bestimmungen des verbosensumotorischen Niveaus und die Frage nach der Beziehung zwischen zeichnerischem und sprachlichem Leistungsniveau bearbeitet werden.

2.2 Entwicklung der durchgeführten Arbeiten

Vorbemerkungen. Frau Dr. Weuffen, eine im Bereich der Sprachentwicklungs- und Legasthenieforschung anerkannte Kollegin, trat 1997 an mich heran, um mit mir ihre Sammlung von Zwillingsdaten, die sie über viele Jahre in der DDR gesammelt und über die sie bereits in Ausschnitten einige international beachtete Zeitschriftenartikel publiziert hatte, insgesamt zu erfassen und zu analysieren. Aus gesundheitlichen und Altersgründen, Frau Dr. Weuffen konnte kürzlich ihren 80. Geburtstag feiern, war sie allein nicht in der Lage, diese Datensammlung zu kodieren, maschinenlesbar zu erfassen und zu analysieren. Es ist ihr nicht leicht gefallen, jemanden, den sie bislang nicht persönlich kennengelernt hatte, in die Auswertung der von ihr erhobenen Daten einzubeziehen. Da wir aber seit vielen Jahren in brieflichem Kontakt standen und sie meine Arbeiten zur Spezifischen Sprachentwicklungsstörung (gefördert von der DFG von 1984 bis 1995 - DFG-Az.: Scho 311/1-1 bis 1-8 - und von 1996 bis 1998 - DFG-Az.: Scho 311/3-1 - 3-3) positiv begleitete, sah sie in einer gemeinsamen Analyse ihrer Daten eine Quelle für die Stützung ähnlicher inhaltlicher Auffassungen über das Bedingungsgefüge von Sprachentwicklungsstörungen und deren Differentialdiagnose. In den Gesprächen und Telefonaten erschien mir der Datensatz außerordentlich differenziert und umfangreich und seine Analyse sehr gewinnbringend für Antworten auf die Frage nach Bedingungsfaktoren von Sprachentwicklungsstörungen. Da diese Erfassungs- und Analysearbeiten von mir allein nicht bewältigbar waren, entschloss ich mich, einen Antrag auf Sachbeihilfe bei der DFG zu stellen.

(1) Erste Projektphase: Datenerfassung

Ziel der ersten Phase des Projektes (Förderungszeitraum ½ Jahr) war die systematische Dokumentation und maschinenlesbare Erfassung der Daten von Zwillingspaaren, die von Frau Dr. Weuffen über Jahre in Kooperation mit verschiedenen Einrichtungen erhoben worden waren und die auf Kerblochdateien und Karteikarten vorliegen. Das Arbeitsprogramm wurde antragsgemäß durchgeführt (siehe dazu den Arbeitsbericht vom 1. August 1998): (1) Ein umfangreicher Kodierplan für die Datenerfassung und Kodierung wurde erstellt und antragsgemäß in eine SAS-Eingabedatei übertragen. (2) Der Antragsteller konnte Ende Februar 1998 das bewilligte Notebook nach Greifswald überbringen und die zu diesem Zeitpunkt bereits feststehende Hilfskraft, die das Vertrauen von Frau Dr. Weuffen genießen und daher von ihr ausgesucht worden war, in die Datenkodierung und -eingabe einführen. (3) Trotz eines zwischenzeitlich erforderlichen Umzuges von Frau Dr. Weuffen (Restaurierung des Plattenbaues, in dem Frau Dr. Weuffen ein Einzimmer-Appartement bewohnt), der zu weiteren gesundheitlichen und enormen physischen und psychischen Belastungen führte, konnte die Datenkodierung und Erfassung mittels des Programmes im beabsichtigten zeitlichen Rahmen abgeschlossen werden. (4) Das Notebook und die darauf gespeicherten Daten konnten vom Antragsteller im Juli 1998 in Greifswald abgeholt werden.

(2) Die erhobenen Daten

Es liegen insgesamt Daten von vier Gruppen von Zwillingspaaren vor, die eine Prüfung der Effektstärke der Faktoren (a) Zygosität (Ein- vs. Zweieiigkeit) und (b) Sprachentwicklungsverlauf (gestört vs. unauffällig) erlauben. In der folgenden Tabelle 1 sind die Stichprobenumfänge der vier Gruppen dargestellt.

 

Sprachentwicklung

 
 

  gestört   

unauffällig

Gesamt

EZ*

20

16

36

ZZ

31

23

54

Gesamt

51

39

90

* bzw. gleichgeschlechtlich mit hoher Ähnlichkeit

Tabelle 1 Anzahl der Zwillingspaare in Abhängigkeit von den beiden Faktoren Zygosität (EZ vs. ZZ) und Sprachentwicklungsverlauf (gestört vs. unauffällig)

Die Erhebung der Zwillingsstichproben erfolgte nach Auskunft von Frau Dr. Weuffen auf zwei Wegen: (1) Die Zwillingsgeburten in der Universitäts-Frauenklinik Greifswald wurden an Frau Dr. Weuffen gemeldet, und die Zwillinge von Geburt bis zum 10.-12. Lebensjahr in regelmäßigen Abständen untersucht. Diese Zwillinge sind überwiegend unauffällig in ihrer Sprachentwicklung geblieben. (2) Alle Sprachheilschulen der DDR waren gehalten, sprachauffällige Zwillinge an Frau Dr. Weuffen zu melden. Viele der gemeldeten Zwillinge wurden von Frau Weuffen dann aufgesucht und untersucht. Durch eine enge Kooperation mit dem schulärztlichen Dienst konnten alle zur Verfügung stehenden ärztlichen Unterlagen von Geburt bis ins Schulalter eingesehen und erfasst werden. Bei den sprachentwicklungsgestörten Zwillingspaaren wurden zahlreiche anamnestische und biographische Daten - wenn nicht durch die Erziehungsberatungsstelle der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald selbst - in enger Zusammenarbeit mit den Jugend- und Kinderärztinnen und -ärzten sowie den Frauenärztinnen und -ärzten erhoben und liegen vor. Viele der ursprünglichen Akten, die in aller Ausführlichkeit die Verlaufsprotokolle, die Anamnesebögen, die Diagnosebögen für detaillierte Sprachbefunde, die Ergebnisse von Testuntersuchungen, die ärztlichen Diagnosen und die Beurteilungen von Schulen enthielten, sind nicht mehr vorhanden, da Frau Dr. Weuffen diese aufgrund mangelnder Aufbewahrungsmöglichkeiten (1-Zimmer-Wohnung nach Pensionierung) vernichten musste. Wie Frau Dr. Weuffen in einem Schreiben betonte, ist „aber das Wichtigste für die Charakterisierung der Zwillingskinder in der Kerblochkartei vermerkt".

Bei allen Kindern liegen Angaben vor über prä- und perinatale Geschehnisse, das Geburtsgewicht, Erkrankungen im 1. Lebensjahr, Krankheiten im Vorschulalter, die Sprachentwicklung (Sprechbeginn, Sprachauffälligkeiten), die motorische Entwicklung (freies Gehen), den Besuch vorschulicher Einrichtungen (Kindergarten), Art, Dauer und Wirksamkeit von sprachheiltherapeutischen Maßnahmen, die Schullaufbahn (Einschulungstermin, Zurückstellung, die Schulleistungen in Rechtschreiben, Lesen, Mathematik, Sport und Musik), die familiäre Situation (u.a. Geschwisterzahl und Stellung in Geschwisterreihe, Berufe von Vater und Mutter), Auftreten von Krankheiten bei Eltern/Verwandten (u. a. Sprachauffälligkeiten). Die Differenzierungsprobe von Breuer und Weuffen wurde mindestens einmal im Vorschulalter durchgeführt, meistens liegen mehrere Messungen vor. Darüber hinaus liegen von allen Kindern Zeichnungen vor (u. a. aufgrund der Applizierung des Mann-Zeichen-Tests).

(3) Zweite Projektphase: Bildung von Variablen, Auswertung und Analyse

Die in der ersten Projektphase abgeschlossene Kodierung und maschinenlesbare Dokumentation der Daten erlaubte nach Einschätzung des Antragstellers einen Vergleich zwischen unauffälligem und gestörtem Spracherwerbsverlauf bei eineiigen und zweieiigen Zwillingen und führte zur Beantragung der Fortsetzung des Projektes. In der zweiten Projektphase wurden daher die erhobenen und kodierten Daten mittels angemessener Methoden ausgewertet und analysiert. Damit sollte u. a. die bisher nur auf kleine Stichproben gestützte Hypothese geprüft werden, dass die Sprachauffälligkeiten bei eineiigen Zwillingen bedeutsam häufiger gleich sind als bei zweieiigen Zwillingen. Bei einem bedeutsamen Effekt des Faktors Zygosität kann die Annahme empirisch gestützt werden, dass bei Sprachauffälligkeiten genetische Faktoren eine bedeutsame Rolle spielen, und somit ein wesentlicher Beitrag zur rezent diskutierten Frage nach hereditären Bedingungsfaktoren für Sprachentwicklungsstörungen erhofft werden. Über diese Frage der genetischen Bedingtheit hinausgehend können aufgrund der Daten u. a. die Frage der Prognose schulischer Leistungen aufgrund vorschulischer Bestimmungen des verbosensumotorischen Niveaus und die Frage nach der Beziehung zwischen zeichnerischem und sprachlichem Leistungsniveau bearbeitet werden.

Da viele der erhobenen Informationen, z. B. über perinatale Ereignisse, den Sprechbeginn oder über therapeutische Maßnahmen, nicht auf unreliablen Erinnerungen der Eltern basieren - wie in den meisten bisher vorliegenden Zwillingsstudien -, sondern aus den ärztlichen und pädagogisch-psychologischen Unterlagen oder aus eigenen Untersuchungen von Frau Dr. Weuffen resultieren, wurde auch erhofft, dass die meisten der Variablen auf ihre Effektstärke in Hinblick auf die Sprachentwicklungsstörung überprüft werden konnten.

Die Bestimmung der Variablen wie beispielsweise die Bildung eines Risikoindexes (aufgrund von perinatalen Komplikationen, Frühgeburtlichkeit etc.) erwies sich aufgrund der doch zum Teil fehlenden Daten als schwieriger als erwartet. Hinzu kam, dass die Voraussetzungen für eine Reihe von statistischen Verfahren nicht gegeben waren. Viele der geplanten spezifischen Fragestellungen konnten daher durch zu geringe Stichprobengrößen nicht wie geplant bearbeitet werden. Dennoch gelang es bis dato, einige wesentliche und die wissenschaftliche Diskussion weiterführende Befunde durch die Datenanalyse zu gewinnen (siehe Abschnitt 2.3).

(4) Probleme bei der Projektdurchführung

(1) Eine erste Schwierigkeit trat zu Beginn des Projektes dadurch auf, dass es längere Zeit dauerte, die für die Dauer des Projektes bewilligte wissenschaftliche Hilfskraftstelle zu besetzen. Diese Suche erwies sich nicht zuletzt dadurch als außerordentlich schwierig, weil anstelle der beantragten wissenschaftlichen Mitarbeiterstelle lediglich eine wissenschaftliche Hilfskraftstelle bewilligt worden war. Personen mit der geforderten methodischen Kompetenz sind gesucht und verdienen in anderen Bereichen erheblich mehr.

(2) Eine detaillierte Analyse der Rohdaten zeigte, dass viele der geplanten Variablen aufgrund zu vieler fehlender Werte nicht gebildet werden konnten. Dies führte zwar notwendig zu einer Reduzierung der spezifischen Fragestellungen, aber nicht dazu, dass alle Arbeiten im geplanten Zeitrahmen abgeschlossen werden konnten, da immer neue Möglichkeiten, auch mit entsprechend unvollständigen Datensätzen operieren zu können, gesucht wurden. Weitere Analysen sollen nun nach und nach im Rahmen der dem Antragsteller zur Verfügung stehenden Forschungsressourcen („Bordmittel") durchgeführt werden.

2.3 Diskussion der Forschungsergebnisse im Hinblick auf den relevanten Forschungsstand

(1) Zur Erblichkeit von Sprachentwicklungsauffälligkeiten. Um die Frage nach der Erblichkeit von Sprachstörungen und sprachlichen Merkmalen zu beantworten, wurden für eineiige (EZ) und zweieiige (ZZ) Zwillinge paarweise Konkordanzen für das Vorliegen einer Sprachstörung, für die Diagnose und für die Gleichzeitigkeit des Sprechbeginns ermittelt. Bei allen Variablen zeigen sich für beide Gruppen hohe Konkordanzen, wobei die Unterschiede zwischen EZ und ZZ erwartungsgemäß ausfallen. Demnach liegt in jedem Fall, in dem ein EZ von einer Sprachstörung betroffen ist, auch bei dessen Zwillingspartner eine Störung vor. Unterschiede bestehen hier lediglich in der Art der Störung, jedoch auch dies nur in geringem Umfang. So hatten noch 94% der EZ die gleiche Diagnose. In jedem Fall konkordant zeigten sich die EZ bzgl. des Zeitpunkts des Sprechbeginns. Bei den ZZ ist noch in 83% der Fälle, bei denen bei einem Zwilling eine Sprachstörung diagnostiziert wurde, der Partner ebenfalls betroffen. Ein geringeres Maß an Übereinstimmung als bei den EZ zeigt sich auch in der Diagnose und im Sprachbeginn. Für keine Variable fand sich eine Übereinstimmung von 100%. Die Ergebnisse stehen damit in Einklang mit zahlreichen Untersuchungen, die bereits eine genetische Komponente bei Sprech-/und Sprachstörungen bestätigen konnten. (Vgl. Anlage 1.)

(2) Frühgeburt und perinatale Komplikationen als Bedingungsfaktor für sprachliche Auffälligkeiten. Während eine genetische Basis für verschiedene Formen von Sprachstörungen weitgehend gesichert ist, muss die Bedeutung perinataler Komplikationen als nicht hinreichend belegt angesehen werden. Zwar weisen zahlreiche Längsschnittstudien zur Entwicklung von Frühgeburten überwiegend auf einen Zusammenhang zwischen sprachlichen Merkmalen und Frühgeburtlichkeit hin, jedoch ist die Aussagekraft solcher Untersuchungen für das Verständnis der Ätiologie von Sprachstörungen eingeschränkt. Zum einen werden hier in der Regel Extremgruppen untersucht (Kinder mit einem Geburtsgewicht # 1500g, z.T. auch # 1000g, oder einer Gestationswoche # 32). Diese stellen jedoch nur eine Minderheit der sprachgestörten Kinder dar. Zum anderen existieren Hinweise darauf, dass es selbst innerhalb dieser Gruppierung oft nur wenige Kinder sind, die klinisch relevante Probleme aufweisen. Ergebnisse aus retrospektiven Studien sind widersprüchlich. In Untersuchungen an spezifisch sprachentwicklungsgestörten Kindern finden sich überwiegend keine Hinweise auf eine Häufung von Problemen im Zusammenhang mit der Geburt. Fraglich scheint die Bedeutung perinataler Komplikationen somit vor allem dann, wenn keine Extremgruppen untersucht werden und/oder es sich um Sprachstörungen handelt, die nicht mit Defiziten im nonverbalen Bereich einhergehen.

In der von uns durchgeführten Studie wurden 86 sprachgestörte Zwillinge und 82 Zwillinge ohne Sprach-/Sprechauffälligkeiten hinsichtlich des Auftretens perinataler Komplikationen miteinander verglichen (siehe Anlage 1). Dabei handelt es sich nicht um extreme Fälle von Frühgeburtlichkeit. Lediglich drei Kinder aus der Stichprobe fallen unter diese Kategorie. Anhand dieser retrospektiven Analyse von Geburtskomplikationen konnten Befunde aus Längsschnittstudien repliziert werden, die auf ein schlechteres Abschneiden von Frühgeburten im sprachlichen Bereich verweisen. Bei der sprachgestörten Gruppe traten gehäuft Frühgeburten und perinatale Komplikationen auf. Auch eine Subgruppe sprachgestörter Kinder mit normalen nonverbalen Fähigkeiten wies gehäuft Probleme im Zusammenhang mit der Geburt auf. Perinatale Komplikationen können demnach durchaus ein spezifisches Risiko für Sprachstörungen darstellen. Zum einen besteht kaum eine Verbindung zwischen Frühgeburtlichkeit und Defiziten im nichtsprachlichen Bereich, zum anderen sind Frühgeburten und sonstige Komplikationen auch gehäuft bei sprachauffälligen Kindern mit normalen Fähigkeiten im nichtsprachlichen Bereich vorzufinden. Die skizzierten Trends fallen dabei deutlich aus, so dass die gefundenen Ergebnisse auch angesichts einiger methodischer Einschränkungen von Bedeutung sind. Frühgeburt und perinatale Komplikationen sollten nach den vorliegenden Befunden in der Diskussion um die Ursachen von Sprech- und Sprachstörungen beibehalten werden, und zwar auch bei Sprachstörungen, die nicht mit allgemeinen Entwicklungsauffälligkeiten einhergehen.

(3) Zeichnerisches Niveau und sprachliche Leistungsfähigkeit. In einer zweiten Studie (siehe Anlage 2) untersuchten wir die Frage, ob das zeichnerische Niveau ein geeigneter Indikator für die mentale, sprachliche und allgemeine Entwicklung eines Kindes darstellt. Von besonderem Interesse ist dabei, ob eine nicht altersentsprechende Zeichnung auch als Hinweis auf eine mögliche Förderbedürftigkeit im sprachlichen Bereich gewertet werden kann. Die Ergebnisse zeigen, dass sich unter den Zwillingen mit nicht altersgemäßer zeichnerischer Darstellung gehäuft Kinder befinden, die auch in ihrer sonstigen Entwicklung Auffälligkeiten bzw. Retardierungen aufweisen. Ein niedriges zeichnerisches Niveau korreliert signifikant mit einer schlechten Gesamtbeurteilung im ersten Schuljahr, bei den Einzelleistungen bestehen überzufällig starke Beziehungen zu den Fächern Sport und Musik. Alle Kinder mit Auffälligkeiten in drei oder mehr Entwicklungsbereichen und 79% der Kinder mit nicht mehr befriedigenden Leistungen im ersten Schuljahr können anhand ihres zeichnerischen Niveaus identifiziert werden. Gleichzeitig liegt nur ein Kind ohne Entwicklungsauffälligkeiten in seinem zeichnerischen Niveau unter der Norm. Kein Kind mit nicht mindestens altersgemäßer zeichnerischer Darstellung hatte einen Schulerfolg von befriedigend oder besser. Im lautsprachlichen Bereich treten bei den Zwillingen mit schlechter zeichnerischer Leistung gehäuft Probleme auf.

Insgesamt sprechen die Ergebnisse dafür, dass Kinderzeichnungen ein brauchbares Instrument zur Identifikation von Kindern mit schwerwiegenden Leistungs- und Entwicklungsdefiziten darstellen können, während es nach den vorliegenden Daten (und dem verwendeten Verfahren) kaum möglich ist, Kinder mit weniger gravierenden Problemen anhand des zeichnerischen Niveaus zu identifizieren. So kann ein Kind mit Auffälligkeiten in der motorischen Entwicklung durchaus in seinem zeichnerischen Niveau in der Norm liegen. Ist es jedoch gleichzeitig auch in seiner Sprach- und Sauberkeitsentwicklung retardiert, so ist dies schon weitaus weniger wahrscheinlich. Ähnliches gilt für den schulischen Bereich. Eine nicht mehr befriedigende Gesamtleistung in der ersten Klasse kann durchaus mit einem alterskonformen zeichnerischen Niveau einhergehen, bei einer Förderschulbedürftigkeit dürfte dies nach den vorliegenden Ergebnissen deutlich seltener der Fall sein. Sollten die vorgefundenen Zusammenhänge zwischen dem lautsprachlichen und dem zeichnerischen Niveau repliziert werden, so ist davon auszugehen, dass eine nicht altersgemäße Kinderzeichnung auch einen Hinweis auf eine Förderbedürftigkeit im sprachlichen Bereich darstellt.

2.4 Wer hat zu den Ergebnissen des Projekts beigetragen?

Trotz ihres hohen Alters (80 Jahre) und der erheblichen gesundheitlichen Probleme konnte Frau Dr. Weuffen als Diskussionspartnerin zur Verfügung stehen. In mehreren intensiven Gesprächen in ihrem Greifswalder Appartement hat sie nicht nur die Hintergründe der Untersuchungen und die Gewinnung der Daten erläutern können, sondern sie war auch sehr an der theoretischen Einordnung der Ergebnisse beteiligt.

Mitarbeiterinnen/Mitarbeiter im Projekt:

Im Forschungsprojekt war Dipl. Psych. Klaus Stamm als wissenschaftliche Hilfskraft beschäftigt. Studentische Hilfskräfte waren: stud. psych. Juliane Müller und stud. phil. Christian Schendera.

3. Zusammenfassung

Im Rahmen des Projektes wurden Daten von 174 eineiigen (EZ) und zweieiigen (ZZ) Zwillingen (87 Zwillingspaaren) kodiert, dokumentiert und analysiert. Davon waren 90 Zwillinge in ihrer sprachlichen Entwicklung beeinträchtigt, 84 Kinder waren unauffällig in ihrer Sprachentwicklung. Die Daten wurden zu Zeiten der ehemaligen DDR von Frau Dr. Maria Weuffen (Greifswald) erhoben und wurden bislang nicht maschinenlesbar erfasst und ausgewertet. Zwar sind viele der ursprünglichen Akten, die in aller Ausführlichkeit die Verlaufsprotokolle, die Anamnesebögen, die Diagnosebögen für detaillierte Sprachbefunde, die Ergebnisse von Testuntersuchungen, die ärztlichen Diagnosen und die Beurteilungen von Schulen enthielten, nicht mehr vorhanden, bei allen Kindern liegen aber Angaben vor über prä- und perinatale Geschehnisse, das Geburtsgewicht, Erkrankungen im 1. Lebensjahr, Krankheiten im Vorschulalter, die Sprachentwicklung (Sprechbeginn, Sprachauffälligkeiten), die motorische Entwicklung (freies Gehen), den Besuch vorschulicher Einrichtungen (Kindergarten), Art, Dauer und Wirksamkeit von sprachheiltherapeutischen Maßnahmen, die Schullaufbahn (Einschulungstermin, Zurückstellung, die Schulleistungen in Rechtschreiben, Lesen, Mathematik, Sport und Musik), die familiäre Situation (u.a. Geschwisterzahl und Stellung in Geschwisterreihe, Berufe von Vater und Mutter), Auftreten von Krankheiten bei Eltern/Verwandten (u. a. Sprachauffälligkeiten). Darüber hinaus liegen Tests zur Erfassung sprachlicher und anderer Leistungen und Zeichnungen als Indikator für die kognitive Entwicklung vor.

Um die Frage nach der Erblichkeit von Sprachstörungen und sprachlichen Merkmalen zu beantworten, wurden für eineiige (EZ) und zweieiige (ZZ) Zwillinge paarweise Konkordanzen für das Vorliegen einer Sprachstörung, für die Diagnose und für die Gleichzeitigkeit des Sprechbeginns ermittelt. Demnach liegt in jedem Fall, in dem ein EZ von einer Sprachstörung betroffen ist, auch bei dessen Zwillingspartner eine Störung vor. Unterschiede bestehen hier lediglich in der Art der Störung, jedoch auch dies nur in geringem Umfang: So hatten noch 94% der EZ die gleiche Diagnose. In jedem Fall konkordant zeigten sich die EZ bzgl. des Zeitpunkts des Sprechbeginns. Bei den ZZ ist noch in 83% der Fälle, bei denen bei einem Zwilling eine Sprachstörung diagnostiziert wurde, der Partner ebenfalls betroffen. Die Ergebnisse stehen damit in Einklang mit zahlreichen Untersuchungen, die bereits eine genetische Komponente bei Sprech-/und Sprachstörungen bestätigen konnten.

Während eine genetische Basis für verschiedene Formen von Sprachstörungen weitgehend gesichert ist, muss die Bedeutung perinataler Komplikationen und von Frühgeburten als nicht hinreichend belegt angesehen werden. Bei den untersuchten sprachgestörten Zwillingen traten gehäuft perinatale Komplikationen und Frühgeburten auf. Auch eine Teilgruppe sprachgestörter Kinder mit normalen nonverbalen Fähigkeiten wies gehäuft Probleme im Zusammenhang mit der Geburt auf. Perinatale Komplikationen können demnach durchaus ein spezifisches Risiko für Sprachstörungen darstellen. Nach den vorliegenden Befunden sollten Frühgeburt und perinatale Komplikationen in der Diskussion um die Ursachen von Sprech- und Sprachstörungen beibehalten werden, und zwar auch bei Sprachstörungen, die nicht mit allgemeinen Entwicklungsauffälligkeiten einhergehen.