Entwicklung und Erprobung einer Differentialdiagnostik bei Sprachentwicklungsauffälligkeiten
„Differentialdiagnostik"
(DFG-Az.: Scho 311/3-3)
Abschlußbericht
Juni 1999
Hermann Schöler
Pädagogische Hochschule Heidelberg, Fakultät I
Psychologie in der Fachrichtung Lernbehindertenpädagogik
1. Allgemeine Angaben
DFG-Geschäftszeichen:
Scho 311/3-3
Antragsteller:
Prof. Dr. Hermann Schöler, Dipl.Psych.
Pädagogische Hochschule Heidelberg, Fakultät I,
Psychologie im Fach Lernbehindertenpädagogik
Thema des Projekts:
Entwicklung und Erprobung einer Differentialdiagnostik bei
Sprachentwicklungsauffälligkeiten
Förderungszeitraum:
1996 - 1998
Liste der Publikationen aus diesem Projekt:
Schöler, H., Häring, M. & Schakib-Ekbatan, K. (1996). Zur Diagnostik bei Sprachentwicklungsauffälligkeiten. Ergebnisse einer Fragebogenerhebung (Arbeitsberichte aus dem Forschungsprojekt „Differentialdiagnostik", Nr. 1). Heidelberg: Pädagogische Hochschule, Sonderpädagogische Fakultät.
Schöler, H., Fromm, W., Schakib-Ekbatan, K. & Spohn, B. (1997). Nachsprechen. Sein Stellenwert bei der Diagnostik von Sprachentwicklungsstörungen (Arbeitsberichte aus dem Forschungsprojekt „Differentialdiagnostik", Nr. 2). Heidelberg: Pädagogische Hochschule, Erziehungs- und Sozialwissenschaftliche Fakultät.
Fromm, W. & Schöler, H. (1997). Arbeitsgedächtnis und Sprachentwicklung. Untersuchungen an sprachentwicklungsauffälligen und sprachunauffälligen Schulkindern (Arbeitsberichte aus dem Forschungsprojekt „Differentialdiagnostik", Nr. 3). Heidelberg: Pädagogische Hochschule, Erziehungs- und Sozialwissenschaftliche Fakultät.
Schakib-Ekbatan, K., Häring, M., Schöler, H. & Spohn, B. (1997). Entwicklung von Aufgaben für die Diagnostik von Sprachentwicklungsauffälligkeiten im Vorschulalter (Arbeitsberichte aus dem Forschungsprojekt „Differentialdiagnostik", Nr. 4). Heidelberg: Pädagogische Hochschule, Erziehungs- und Sozialwissenschaftliche Fakultät.
Schöler, H. & Spohn, B. (1997). Entwicklung des Inventars diagnostischer Informationen bei Sprachentwicklungsauffälligkeiten IDIS (Arbeitsberichte aus dem Forschungsprojekt „Differentialdiagnostik", Nr. 5). Heidelberg: Pädagogische Hochschule, Erziehungs- und Sozialwissenschaftliche Fakultät.
Häring, M., Schakib-Ekbatan, K. & Schöler, H. (1997). Zur Diagnostik und Differentialdiagnostik von Sprachentwicklungsauffälligkeiten. Ergebnisse einer Fragebogenerhebung in Deutschland. Die Sprachheilarbeit, 42, 221-229. (Anlage 1)
Schöler, H., Häring, M., Schakib-Ekbatan, K., Spohn, B. & Spohn, S. (1998). Diagnostik und Differentialdiagnostik bei Sprachentwicklungsauffälligkeiten: Desiderate und Folgerungen für die Praxis. In H. Schöler, W. Fromm & W. Kany (Hrsg.), Spezifische Sprachentwicklungsstörung und Sprachlernen: Erscheinungsformen, Verlauf, Folgerungen für Diagnostik und Therapie (S. 275-318). Heidelberg: Edition Schindele im Universitätsverlag C. Winter. (Anlage 2)
Spohn, S., Spohn, B. & Schöler, H. (1998). Spezifische Sprachentwicklungsstörung: Prozeß- oder Strukturdefizit der phonologischen Schleife? (Arbeitsberichte aus dem Forschungsprojekt „Differentialdiagnostik", Nr. 6). Heidelberg: Pädagogische Hochschule, Erziehungs- und Sozialwissenschaftliche Fakultät. (Anlage 4)
Schöler, H. (unter Mitarbeit von Karin Schakib-Ekbatan, Birgit und Silke Spohn). (1999). IDIS - Inventar diagnostischer Informationen bei Sprachentwicklungsauffälligkeiten. Heidelberg: Edition ES im Universitätsverlag C. Winter. (Anlage 3)
2. Arbeits- und Ergebnisbericht
2.1 Ausgangsfragen und Zielsetzung des Projekts
Im Rahmen des Projektes wird ein Verfahren zur Diagnose und Differentialdiagnose kindlicher Sprachentwicklungsstörungen entwickelt. Ziel ist dabei aber nicht die Entwicklung eines einzelnen Testverfahrens (eines Diagnostikums), sondern einer Differentialdiagnostik, die in einer Konfiguration verschiedener qualitativer und quantitativer Indikatoren resultiert.
Folgende Gründe waren ausschlaggebend für die Entwicklung einer Differentialdiagnostik, wie wir sie mit dem Inventar diagnostischer Informationen bei Sprachentwicklungsauffälligkeiten (kurz IDIS) zu realisieren versuchen.
(1) Ein erster Grund besteht darin, die nach Auffassung des Antragstellers problematische Diskussion über die epidemische Ausbreitung von Sprachentwicklungsstörungen durch eine verbesserte und vereinheitlichte Diagnostik zu versachlichen. In den letzten Jahren wurde in den Medien die These verbreitet, dass Sprachentwicklungsstörungen sich epidemisch ausweiten würden (bis zu 30% einer Jahrgangspopulation soll sprachentwicklungsgestört sein), die auch behandlungsbedürftig seien. Diese postulierte Zunahmen und die in diesem Zusammenhang geäußerten simplen Kausalfaktoren und -beziehungen (die Vernachlässigung durch die Mütter und ein extensiver Fernseh- und Videokonsum sollen diese Störungen bewirken) entbehren nach unseren Untersuchungen und der Befragung aller an der Diagnostik von Sprachentwicklungsauffälligkeiten beteiligten Institutionen in Deutschland, die wir im Rahmen des Projektes durchgeführt haben (Häring, Schakib-Ekbatan & Schöler, 1997, Anlage 1; Schöler, Häring & Schakib-Ekbatan, 1996), jeglicher Grundlage.
(2) Ein zweiter Grund besteht in der zu beobachtenden und beklagten Stagnation der Diagnostik, insbesondere bei der Entwicklung von Untersuchungsverfahren, und im Fehlen eines einheitlichen Klassifikationssystems für Sprachentwicklungsstörungen. Wir haben dies als Methodenproblem und als Klassifizierungsproblem bezeichnet. Die vorliegenden Diagnostika sind sehr oft unzureichend, darüber hinaus werden bestimmte methodisch notwendige Zugangsweisen - oft aus Ideologie- oder Inkompetenzgründen oder beidem - abgelehnt. Die vorhandenen Klassifikationssysteme sind unzureichend oder werden nicht allgemein anerkannt, so daß ein Wirrwarr von Bezeichnungen für Sprachentwicklungsauffälligkeiten anzutreffen ist.
(3) Einen dritten Grund liefern die Untersuchungsergebnisse, die in den letzten Jahren bei der Erforschung der Sprachentwicklungsstörungen gewonnen werden konnten und die eindeutig nicht nur ein heterogenes Bild der Sprachentwicklungsstörungen zeichnen, sondern nahelegen, unterschiedliche Störungsformen auch unterschiedlich zu fördern. Damit ist eine Differentialdiagnostik gefordert, die nicht nur zwischen sprachunauffälligen und sprachauffälligen Kindern unterscheiden kann, sondern eine Differenzierung verschiedener Störungsformen erlaubt. Eine solche Differentialdiagnostik kann Förderungen effektiver gestalten und kommt daher nicht nur dem eigentlichen Ziel jeder Diagnostik zugute, die Förderung der sprachentwicklungsgestörten Kinder zu optimieren, sondern kann auch helfen, die zeitlichen, personellen und finanziellen Ressourcen effektiver zu nutzen.
Basierend auf den Forschungsergebnissen der „Heidelberger Untersuchungen zur Spezifischen Sprachentwicklungsstörung HEISS", in dessen Rahmen 100 spezifisch sprachentwicklungsgestörte Kinder längsschnittlich untersucht wurden (Schöler, Fromm & Kany, 1998), sollten anamnestische und biographische Informationen und diejenigen Aufgabengruppen, die sich als reliabel und diskriminativ valide erwiesen hatten, zu einem Diagnoseverfahren zusammengestellt sowie erprobt werden. Darüber hinaus sollten die Erfahrungen und Kompetenzen der in der Diagnostik und Differentialdiagnostik Beschäftigten einbezogen werden. Da für einige differentialdiagnostische Leistungsbereiche keine angemessenen Verfahren vorhanden sind, mußten - in Ergänzung zur ursprünglichen Zielsetzung - im Rahmen des Projektes neue Verfahren entwickelt werden.
Die Kooperation mit den Kliniken und unsere Zielsetzung, zur Vereinheitlichung der Diagnostik beizutragen, machten ein wesentliches Zwischenziel erforderlich: die Entwicklung von detaillierten Anamnesebögen und Befunderhebungsbögen. Ein weiteres Zwischenziel bestand in der retrospektiven Erhebung diagnostisch relevanter Informationen: Hierzu haben wir zum einen eine Befragung der Eltern aller Schülerinnen und Schüler in Baden-Württemberg durchgeführt, zum anderen haben wir eine Analyse der Unterlagen von Patienten begonnen, die als sprachentwicklungsauffällig diagnostiziert und behandelt worden waren.
2.2 Entwicklung der durchgeführten Arbeiten
(1) Entwicklung von Aufgaben zur Diagnostik und Differentialdiagnostik
Antragsgemäß haben wir Aufgabengruppen, die sich im Rahmen von HEISS als
diskriminativ valide im Schulalter erwiesen haben, an das Vorschulalter angepaßt.
Im einzelnen ging es um folgende drei Aufgabengruppen:
In Ergänzung zu den an den Vorschulbereich adaptierten Aufgabengruppen haben
wir drei weitere Aufgabengruppen, deren diagnostische und
differentialdiagnostische Relevanz belegt ist und die nicht oder nicht
angemessener Form im deutschsprachigen Raum vorhanden sind, entwickelt. Die
Bearbeitung dieser Aufgaben liefert Hinweise auf Defizite oder Defekte des
phonologischen Arbeitsgedächtnisses:
Da die von uns analysierten vorhandenen informellen Verfahren zur Prüfung
von sprachlich-strukturellem Wissen allesamt Schwächen aufweisen, haben wir
auch in diesem Bereich neue Aufgabengruppen entwickelt bzw. vorhandene
modifiziert, mit denen die Produktion von Genus- und Kasusflexionen, die
Produktion und das Verstehen bestimmter syntaktischer Strukturformen sowie das
Verstehen und die Produktion von Präpositionalphrasen geprüft wird:
Erste Ergebnisse der Erprobungen und Revisionen der Aufgaben sind in Schakib-Ekbatan, Häring, Schöler & Spohn (1997) und in Schöler (1999, Teil III; siehe Anlage 3) dargestellt.
(2) Zur Suche nach weiteren Bedingungsfaktoren der Spezifischen Sprachentwicklungsstörung für die Differentialdiagnostik
Analyse der Nützlichkeit der Aufgabe „Nachsprechen von Sätzen" für die Differentialdiagnostik
Die Aufgabe Nachsprechen von Sätzen NS, die sich bisher als ein valides und reliables Verfahren zur Diskriminierung von sprachentwicklungsauffälligen und -unauffälligen Kindern erwiesen hat, wurde auf ihre differentialdiagnostische Brauchbarkeit in Hinblick auf die Bestimmung von Subgruppen sprachentwicklungsgestörter Kinder überprüft. Unsere Analyse ergibt, daß diese Aufgabe für die Differentialdiagnostik sehr geeignet ist (Schöler, Fromm, Schakib-Ekbatan & Spohn, 1997).
Phonologisches Arbeitsgedächtnis als ein Bedingungsfaktor für eine Teilgruppe sprachentwicklungsgestörter Kinder
Über den differentialdiagnostischen Wert der Aufgabe Nachsprechen von Sätzen NS hinaus können wir zeigen (Fromm & Schöler, 1997), daß die Leistung bei dieser Aufgabe mit verschiedenen Behaltensleistungen in Abhängigkeit von Teilgruppen sprachentwicklungsgestörter Kinder variiert. Der Vergleich leistungsparallelisierter Gruppen sprachentwicklungsgestörter und sprachunauffälliger Kinder läßt starke Hinweise auf die Richtung der Verursachung der Sprachentwicklungsstörung zu: Bei einer Teilgruppe sprachentwicklungsgestörter Kinder kann man eine Störung des phonologischen Arbeitsgedächtnisses als (mit)verursachend für die Sprachentwicklungsstörung annehmen (siehe dazu auch Spohn, Spohn & Schöler, 1998; Anlage 4).
Aktenanalyse
Antragsgemäß wurde von der wissenschaftlichen Hilfskraft ein Intelligenztest, die K-ABC, bei einer Reihe von Kindern im Rahmen der ambulanten Untersuchungen in der Abteilung für Stimm- und Sprachstörungen sowie Pädaudiologie der HNO-Universitätsklinik Heidelberg durchgeführt. Der Zeitaufwand für die Organisation dieser zusätzlichen Untersuchungstermine (Neuansetzung von Vorstellungsterminen mit den Eltern, Raumfrage) ist erheblich. Es ergaben sich doch größere Schwierigkeiten, als dies bei Beantragung und Absprache mit der Institution vor dem 1. Fortsetzungsantrag abzusehen war. Die Kosten-Nutzen-Relation war nach unserem Dafürhalten nicht ausgewogen. Wir haben daher kurzfristig unser Vorhaben durch eine Aktenanalyse erweitert, was sich letztlich als effektiver (unter Kosten-Nutzen-Relations-Gesichtspunkten betrachtet) für die Entwicklung der Differentialdiagnostik erwiesen hat, als lediglich die Intelligenztestuntersuchung durchzuführen. Dem glücklichen Umstand, daß Frau Schakib-Ekbatan zu Beginn ihrer beruflichen Laufbahn bereits einige Jahre in dieser Abteilung gearbeitet hat und den Ärztlichen Direktor und die Mitarbeiterinnen zum größten Teil noch aus der persönlichen Zusammenarbeit kennt, ist sicherlich mit zu verdanken, daß uns diese Einsicht in die Patientenunterlagen gewährt wurde. Wir konnten die Unterlagen von insgesamt 77 Kindern erfassen. Die Analyse dieser rückwirkenden Erfassung differentialdiagnostisch relevanter Informationen durch Akteneinsichtnahme und -analyse ist allerdings noch nicht abgeschlossen, denn diese Aktenanalyse ist in Erhebung, Kodierung (Neuentwicklung eines Kodierschemas) und Auswertung sehr zeitkonsumtiv. Eine solche systematische Erfassung der Daten von Patienten zum Zwecke der Entwicklung und Weiterführung der Differentialdiagnostik wird zwar von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den Kliniken für erforderlich gehalten, dennoch für den Antragsteller unverständlicherweise nicht durchgeführt. Die Erhebungs- und Befundbögen sind demnach auf eine Auswertung auch nicht ausgerichtet und bereiten wegen der sehr offenen und uneinheitlichen Terminologie erhebliche Kodierungsprobleme. Nur die für die Kassenabrechnungen notwendigen Systematisierungen bzw. Aufstellungen der applizierten diagnostischen Verfahren werden durchgeführt. Es liegen sehr viele relevante Informationen sozusagen in den Patientenunterlagen begraben. Selbst in den für Forschung zuständigen Unversitätskliniken verzichtet man auf eine Analyse dieser wichtigen Informationen, die die Erfahrung und Intuition der Diagnostiker und Diagnostikerinnen auf eine intersubjektiv nachvollziehbare empirische Basis stellen könnten.
Einen in diesem Kontext interessanten Fakt möchte der Antragsteller anmerken: In den Kliniken werden zum Teil Verfahren eingesetzt, die von den Diagnostikerinnen nicht ausgewertet und interpretiert werden. Die Durchführung dieser Verfahren führt weder zu einer verwertbaren diagnostischen Information, noch werden daraus Konsequenzen für therapeutische Vorgehensweisen abgeleitet.
Entwicklung des Inventars diagnostischer Informationen bei Sprachentwicklungsauffälligkeiten IDIS
In der beiliegenden Monographie (Schöler, 1999; Anlage 3) wird die Konzeption und die Entwicklung des Inventars diagnostischer Informationen bei Sprachentwicklungsauffälligkeiten IDIS beschrieben. Die Kooperationen mit den beiden Universitätskliniken in Heidelberg und Mainz haben sich als notwendig und sehr gewinnbringend für die Entwicklung von IDIS gezeigt.
Befragung der Eltern von sprachauffälligen Schülerinnen und Schülern
Über das beantragte Arbeitsprogramm hinausgehend haben wir eine Fragebogenerhebung konzipiert und durchgeführt. Mittels des Fragebogens sollten zusätzliche biographische und anamnestische Informationen über sprachentwicklungsauffällige Kinder gewonnen werden, wie z.B. Informationen über die Lateralität, den Ausbildungsverlauf des Kindes, die Geschwisterkonstellationen, Krankheiten in der Familie. Diese Informationen sollen mit den psycholinguistischen, entwicklungspsychologischen und logopädischen Leistungsdaten in Beziehung gesetzt werden.
Wir haben dazu einen Fragebogen entwickelt, der von den Eltern sprachauffälliger Schülerinnen und Schülern beantwortet werden sollte. Da bei solchen Fragebogenerhebungen in der Regel von einer großen Ausfallquote auszugehen ist, wir aber mögliche mangelnde Reliabilität der Fragebogendaten durch eine möglichst große Zahl an Fragebogen zu nivellieren suchten, war das Ziel, die Eltern aller Schülerinnen und Schüler an Schulen für Sprachbehinderte in Baden-Württemberg anzufragen. Uns liegen Rückmeldungen von 1.346 Eltern vor. Erste Ergebnisse der Befragung sind in Schöler, Häring, Schakib-Ekbatan, Spohn und Spohn (1998; siehe Anlage 1) angeführt, eine detaillierte Analyse der Befragung erfolgt im Rahmen einer Erziehungswissenschaftlichen Hausarbeit (Dürner, i.Vorb.), die noch nicht abgeschlossen ist.
(3) Probleme bei der Projektdurchführung
Bei der ersten Weiterbewilligung wurde dem Antragsteller eine „deutliche Enttäuschung" der Gutachter mitgeteilt, die sich auf den ursprünglichen Zeitplan des Projektes bezog. Diese Enttäuschung konnte der Antragsteller insofern nicht nachvollziehen, als er im 1. Fortsetzungsantrag nach seiner Auffassung verdeutlicht hatte, (a) warum diese zeitlichen Verzögerungen zustandegekommen waren, wie schwierig sich die Kooperation gestaltete, und wir (b) über das beabsichtigte Arbeitsprogramm hinausgehend zusätzliche Arbeiten begonnen und durchgeführt hatten, die wir für den Fortgang der Projektarbeiten und die Erreichung des Projektzieles für erforderlich erachteten und die sich erst durch die Projektarbeiten in dieser Deutlichkeit eröffneten. Der Antragsteller möchte auch noch einmal betonen, daß die zeitlichen Verzögerungen nicht damit zu tun hatten, daß das Projekt nicht mit der erforderlichen Geschwindigkeit arbeitete, sondern daß diese Zeittafeln zunächst einmal in Verkennung der tatsächlichen Gegebenheiten in den Kliniken durch den Antragsteller erstellt worden waren. Darüber hinaus hatten sich zusätzliche Arbeitsschritte ergeben, die wir ebenfalls in der Projektzeit und zwar zusätzlich realisierten.
Die Erfahrungen zeigen, daß sich die für den Projektverlauf und -erfolg notwendigen Kooperationen mit den Universitäts-Kliniken als sehr fruchtbar und gewinnbringend erweisen, sie sich aber, u.a. bedingt durch die organisatorischen Rahmenbedingungen innerhalb der Kliniken, als zeitkonsumtiv gestalten und damit eine Reihe von zeitlichen Unwägbarkeiten implizierten, die letztlich zu Planungsunsicherheiten durch nicht beeinflußbare Verzögerungen und zu Modifikationen der Projektarbeiten geführt haben.
Wie schwierig sich die Zusammenarbeit mit Kliniken gestalten kann, selbst wenn sie seitens der Klinik gewünscht war, zeigt das Beispiel unserer Kooperation mit dem Kinderzentrum der Universitäts-Kinderklinik Gießen (Ärztlicher Direktor: Prof. Dr. Neuhäuser). Die von uns entwickelten Aufgaben sollten im Rahmen der Diagnostik in der Klinik eingesetzt und die Protokollbögen von uns ausgewertet werden. Trotz Nachfragen kam erst nach ca. einem Jahr die erste und einzige Rücksendung von fünf Protokollbögen, gleichzeitig wurde in einem Begleitschreiben eine weitere Zusammenarbeit aus zeitökonomischen Gründen nicht mehr gewünscht. In dem Schreiben heißt es: „Das [die Zusendung von nur 5 Bögen] hat im wesentlichen den Grund, daß die Erhebung dieser Befunde für uns doch eigentlich zu aufwendig ist. Auch sind die Kinder nach den für unsere Untersuchungen nötigen Testdurchführungen oft nicht mehr ausreichend zur Mitarbeit zu bewegen". Auf der einen Seite wurde eine Kooperation gewünscht, weil man im Rahmen des alltäglichen Klinikablaufs eine Veränderung der unbefriedigenden diagnostischen Verfahren für nicht realisierbar hält, auf der anderen Seite läßt aber eben diese alltägliche Routine kaum Änderungen zu. Es ist dann ein zusätzlicher Aufwand gefordert, den man dann noch nicht zu tragen bereit ist. Auf diesem Hintergrund ist die intensive Kooperation mit den beiden Kliniken in Mainz und Heidelberg besonders hervorzuheben: Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben sich über ihren Arbeitszeitrahmen hinaus - zumeist in ihrer Freizeit - zu Arbeitsgruppensitzungen mit uns getroffen und in außergewöhnlicher Weise an der Problemlösung teilgenommen.
Im Erstantrag war davon ausgegangen worden, daß eine Optimierung der Differentialdiagnostik durch Adaptierung der im Heidelberger Dysgrammatismus-Projekt entwickelten Verfahren an das Vorschulalter geleistet werden könne. Impliziert war dabei, daß wir den Institutionen eine Batterie verschiedener, für erforderlich erachteter Verfahren und eine Liste der Indikatoren empfehlen bzw. anbieten könnten. Wir halten dies nach wie vor für möglich, sehen uns aufgrund der Gegebenheiten in den Institutionen aber Schwierigkeiten gegenüber, die eine Partionierung und zeitliche Streckung bedingen, sozusagen ein allmähliches Einschleichen in die praktische diagnostische Arbeit verlangen. Auch wenn eine sehr große Kooperationsbereitschaft gegeben ist, läßt die tägliche klinische Praxis einschneidende Veränderungen nicht zu. So schränken die praktischen Gegebenheiten die Zahl der Verfahren, die in den Untersuchungsablauf einbezogen werden können, erheblich ein. Wir waren mit der Mainzer Klinik beispielsweise auch so verblieben, dass wir die Daten der sprachentwicklungsauffälligen Kinder erhalten würden, die in der Klinik ambulant vorgestellt werden und bei denen entsprechende Aufgaben aus IDIS durchgeführt werden sollten. Zwischenzeitlich wurde seitens der Klinik davon aus Kostengründen abgerückt: Die Klinik produziert jährlich ein Defizit, viele der Verfahren, die in der Ambulanz angewendet werden sollten, werden durch die Krankenkassen nicht erstattet, für ein Kind beträgt die Erstattung vierteljährlich 100 DM, so der Klinikchef in einem der letzten Gespräche, so dass die Klinik aus Zeit- und Kostengründen sich solche Forschungsarbeiten nicht erlauben kann. Nur bei den stationär behandelten Kindern wird IDIS komplett durchgeführt.
Hier waren wir zu Beginn des Projektes zu optimistisch. Aufgrund der vielen Anfragen nehmen wir aber an, daß das nun vorliegende Inventar diagnostischer Informationen bei Sprachentwicklungsauffälligkeiten IDIS viele Institutionen dazu bewegen wird, zumindest große Teile daraus zu übernehmen.
Als Fazit der durchgeführten Arbeiten ist festzuhalten, daß
2.3 Diskussion der Forschungsergebnisse im Hinblick auf den relevanten Forschungsstand
Das Forschungsprojekt hat einen wertvollen Beitrag zu einer Verbesserung der Situation in der Diagnostik bei Sprachentwicklungsauffälligkeiten liefern können. Die schon jetzt anzutreffende Akzeptanz von IDIS spricht sehr dafür, dass die Projektziele erreichbar sein können.
In Hinblick auf unser Teilziel „Vereinheitlichung der Klassifikation von Sprachentwicklungsauffälligkeiten" konnten wir schon recht bald einen ersten Erfolg unserer Bemühungen feststellen. In den medizinischen Einrichtungen wird die Kennzeichnung „Sprachentwicklungsverzögerung" (SEV) sehr häufig als Oberbegriff für alle Arten von Sprachentwicklungsauffälligkeiten verwendet. Wie uns Herr Prof. Dr. Heinemann, der Ärztliche Direktor der Universitätsklinik für Kommunikationsstörungen Mainz, in einem Schreiben vom 11.3.1997 mitteilte, wird die Bezeichnung SEV auch im medizinischen Kontext zunehmend in Frage gestellt: „[...] Eine Schwierigkeit in diesem Zusammenhang ist für mich ganz persönlich immer wieder die Terminologie. Bisher habe ich den Begriff Sprachentwicklungsverzögerung meist als Oberbegriff ohne nähere Differenzierung verwendet. Dies ist aber sicher nicht sachgerecht. [...] Dazu habe ich mich jetzt entschlossen, von einer Sprachentwicklungsverzögerung nur dann zu sprechen, wenn lediglich eine zeitliche Verzögerung vorhanden ist, also eine harmonische Sprachentwicklungsretardierung vorliegt. Dagegen werde ich den Begriff Sprachentwicklungsstörung verwenden, wenn zeitliche und inhaltliche Abweichungen im Spracherwerbsprozeß bestehen" (Heinemann, 1997, persönl. Mitteilung).
Die Kooperationswünsche von Institutionen und die Einladungen des Antragstellers zu Referaten über das Projekt, die von den einschlägigen Verbänden (Logopädie, Sprachheilpädagogik) an ihn gerichtet wurden und werden, bestätigen zum einen indirekt die unbefriedigende Situation, zum anderen zeigen sie den großen Wunsch, eine Optimierung der Diagnostik und damit nachfolgend der Therapie herbeiführen zu wollen.
Im Zusammenhang mit der Prognose und Prävention von Lese-Rechtschreibproblemen haben die Gesundheitsämter Heidelberg und Münster um Kooperation nachgefragt. Das Gesundheitsamt Heidelberg führte im Rahmen der Einschulungsuntersuchung 1998 von uns entwickelte Aufgaben durch. Aufgrund der bisherigen Erkenntnisse werden die bisher vorgegebenen Aufgaben und weitere von uns entwickelte Aufgaben in den zur Zeit laufenden Einschulungsuntersuchungen 1999 eingesetzt. Das Gesundheitsamt Münster hat ebenfalls 1998 und 1999 Teile aus IDIS bei den Einschulungsuntersuchungen mit Erfolg - wie der Leiter mitteilte - durchgeführt und wird aufgrund dieser positiven Erfahrungen mit dem Projekt in enge Kooperation treten. So werden dem Projekt alle erhobenen Daten der letzten Jahrgänge (pro Jahrgang von etwa 3.000-4.000 Kindern) zur Auswertung und Analyse übergeben. Damit kann die Güte einer Reihe der von uns entwickelten Aufgaben auf einer breiten empirischen Basis überprüft und gleichzeitig zu anderen Leistungsbereichen sowie anamnestischen Informationen in Beziehung gesetzt werden.
Die in der Öffentlichkeit diskutierte epidemische Ausbreitung von Sprachentwicklungsstörungen konnte durch unsere Ergebnisse und Analysen nicht gestützt werden. Unter Bezug auf unsere Forschungsergebnisse mehren sich zwischenzeitlich die Stimmen, die auf dem Hintergrund unserer Ergebnisse und Argumentationen für eine differenziertere Vorgehensweise bei der Diagnostik und der Therapie plädieren. Die von uns entwickelte Differentialdiagnostik ist deshalb sinnvoll, weil unterscheidbare Störungsformen auch unterschiedliche Förderungen erfahren sollten. Erst eine angemessene Differenzierung von Störungsformen kann auch zur Entwicklung von angemessenen Förderungen führen, die sich in der Regel nicht an einer Theorie der normalen Sprachentwicklung orientieren werden, wie dies noch sehr häufig postuliert wird.
2.4 Wer hat zu den Ergebnissen des Projekts beigetragen?
Voraussetzung für die Durchführung des Projektes waren enge Kooperationen mit Institutionen, in denen sprachentwicklungsauffällige Kinder diagnostiziert und therapiert werden. Enge Kooperationen bestanden und bestehen weiterhin mit der Universitätsklinik für Kommunikationsstörungen in Mainz (Direktor: Prof. Dr. Manfred Heinemann) und der Abteilung für Stimm- und Sprachstörungen sowie Pädaudiologie der HNO-Universitätsklinik Heidelberg (Ärztliche Direktorin: Prof. Dr. Ute Pröschel; Ärztlicher Direktor bis 1997: Prof. Dr. Günter Wirth). Die beiden Kliniken unterscheiden sich deutlich in Bezug auf die personelle und organisatorische Struktur, ihre damit verbundenen Ressourcen für die Diagnostik, die Störungsbilder und Zahl der Patienten und die theoretischen Auffassungen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Könnte man die beiden Kliniken auf einer Dimension der Typikalität von „Kliniken für Kindliche Sprachentwicklungsauffälligkeiten" einstufen, so würden beide wohl eher an den entgegengesetzten Polen dieser Dimension lokalisiert sein. Diese Unterschiedlichkeit der beiden Institutionen war und ist für das Forschungsprojekt von großem Vorteil, wird doch damit die Variationsbreite zu einem gut Teil repräsentiert. Da die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beider Kliniken sich in einem außerordentlichen Maße an der Entwicklung und Erprobung der Differentialdiagnostik und der dazu erforderlichen Zwischenschritte (wie Konzeption und Erstellung der Anamnese- und Befundbögen) beteiligten, war nach unserem Dafürhalten gewährleistet, daß alle relevanten Informationen für die Differentialdiagnostik bedacht und integriert sind. Dieser Prozeß des Abgleichs zwischen den beiden Klinik-Teams war zwar durch die ständige Infragestellung der jeweils zur Diskussion stehenden Vorlagen, die mit der jeweils anderen Klinik abgesprochen waren, sehr zeitkonsumtiv und teilweise sehr mühsam (vor allem bei „Kompetenzgerangel" zwischen den beteiligten Disziplinen), war aber schlußendlich außerordentlich gewinnbringend für die Zielsetzung unseres Vorhabens.
Mit dem Teilprojekt E1 „Pathogenese neuropsychiatrischer Störungen bei Kindern mit biologischen und psychosozialen Risiken" (Leiter: Prof. Dr. Schmidt und Dr. Laucht) des SFB 258 der Universität Heidelberg besteht eine Kooperation. Die Aufgabe NS Nachsprechen von Sätzen wird im Rahmen der längsschnittlichen Erhebungen eingesetzt. Wir werden die Daten für die Projektgruppe auswerten und gleichzeitig eine Reihe der anderen Daten erhalten, um weitere Indikatoren für die Entwicklung der Differentialdiagnostik ausfindig machen bzw. prüfen zu können.
Mit Herrn Prof. Dr. Spitznagel (Lehrstuhl für Allgemeine Psychologie der Universität Gießen) und seinen Mitarbeiterinnen Frau Dr. Müller (zwischenzeitlich ans MPI für Psychologische Forschung in München gewechselt) und Frau Mette besteht ein Informationsaustausch im Bereich der Entwicklung von Diagnostika für rhythmische Fähigkeiten.
Eine enge Kooperation besteht mit der Forschergruppe an der Fakultät für Defektologie der Universität Zagreb (Leitung: Prof. Dr. Marta Ljubešic), die Teile unserer Verfahren adaptieren. Daten aus den Projekten in Zagreb und Heidelberg wurden bereits zu gemeinsamen sprachvergleichenden Studien verwendet (vgl. zsf. Schöler, Ljubešic & Kovacevic, 1998).
Mitarbeiterinnen/Mitarbeiter im Projekt:
Im Forschungsprojekt waren als wissenschaftliche Mitarbeiter/Mitarbeiterin bzw. wissenschaftliche Hilfskraft beschäftigt: Dr. Waldemar Fromm, M.A. (Linguistik), Karin Schakib-Ekbatan, Lehrlogopädin, Dipl.Psych. Birgit Spohn.
Studentische Hilfskräfte waren: Thorsten Bieser, stud.paed., Stefan Braun, stud.paed., Jutta Bucher, stud.paed., Joachim Dürner, stud.paed., Annette Krehl, stud.paed., Christina Scherer, M.A., Arved Schierding, stud.paed., Dipl.Psych. Silke Spohn.
2.5 Qualifikation des wissenschaftlichen Nachwuchses im Zusammenhang mit dem Projekt
Im Rahmen des Forschungsprojektes wurden bisher 15 Diplomarbeiten und wissenschaftlichen Hausarbeiten angefertigt (siehe Anhang). Weitere Arbeiten sind vergeben, aber noch nicht abgeschlossen. Da das Forschungsprojekt an einer Pädagogischen Hochschule angesiedelt ist, ist die wissenschaftliche Nachwuchsförderung in Form von Diplomarbeiten und Dissertationen im vom Projektleiter vertretenen Fach Psychologie nur sehr schwer möglich. Die Möglichkeit, in Kooperation mit dem Psychologischen Institut der Universität Heidelberg Diplomarbeiten zu betreuen, die im vorangegangenen Forschungsprojekt „Dysgrammatismus" (DFG-Az.: Scho 311/1-1 - 1-8) mehrfach genutzt werden konnte, bestand für das Projekt „Differentialdiagnostik" in dieser Form nicht: Zum einen war die Schwierigkeit und Unwägbarkeit der Datenerhebungen nicht im Rahmen einer zeitlich eng begrenzten Diplomarbeit zu verantworten, zum anderen ist die Zahl der Psychologie-Studierenden, die sich für die Bearbeitung eines Themas in einem Grundlagenfach, wie der Entwicklungspsychologie, interessieren, sehr gering.
3. Zusammenfassung
Im Rahmen des Projektes wird ein Verfahren zur Diagnose und Differentialdiagnose kindlicher Sprachentwicklungsstörungen entwickelt. Folgende Gründe waren ausschlaggebend für die Entwicklung einer Differentialdiagnostik, wie sie mit dem Inventar diagnostischer Informationen bei Sprachentwicklungsauffälligkeiten (kurz IDIS) vorgelegt wird:
(1) Ein erster Grund besteht darin, die problematische Diskussion über die epidemische Ausbreitung von Sprachentwicklungsstörungen durch eine verbesserte und vereinheitlichte Diagnostik zu versachlichen. In den letzten 15 Jahren soll der Anteil von Sprachentwicklungsstörungen enorm zugenommen haben (von 4% auf bis zu 30% einer Jahrgangspopulation soll sprachentwicklungsgestört und behandlungsbedürftig sein). Dieses epidemische Anwachsen und die in diesem Zusammenhang geäußerten simplen Kausalfaktoren und -beziehungen (die Vernachlässigung durch die Mütter und ein extensiver Fernseh- und Video-Konsum sollen diese Störungen bewirken) entbehren nach den vorliegenden Untersuchungen und der Befragung aller an der Diagnostik von Sprachentwicklungsauffälligkeiten beteiligten Institutionen in Deutschland jeglicher Grundlage.
(2) Ein zweiter Grund besteht in der zu beobachtenden und beklagten Stagnation der Diagnostik, insbesondere bei der Entwicklung von Untersuchungsverfahren, und im Fehlen eines einheitlichen Klassifikationssystems für Sprachentwicklungsstörungen. Die vorliegenden Diagnostika sind sehr oft unzureichend, darüber hinaus werden bestimmte methodisch notwendige Zugangsweisen - oft aus Ideologie- oder Inkompetenzgründen oder beidem - abgelehnt. Die vorhandenen Klassifikationssysteme sind unzureichend oder werden nicht allgemein anerkannt, so daß ein Wirrwarr von Bezeichnungen für Sprachentwicklungsauffälligkeiten anzutreffen ist.
(3) Einen dritten Grund liefern die Untersuchungsergebnisse, die in den letzten Jahren bei der Erforschung der Sprachentwicklungsstörungen gewonnen werden konnten und die eindeutig nicht nur ein heterogenes Bild der Sprachentwicklungsstörungen zeichnen, sondern nahelegen, unterschiedliche Störungsformen auch unterschiedlich zu fördern. Damit ist eine Differentialdiagnostik gefordert, die nicht nur zwischen sprachunauffälligen und sprachauffälligen Kindern unterscheiden kann, sondern eine Differenzierung verschiedener Störungsformen erlaubt. Eine solche Differentialdiagnostik kann Förderungen effektiver gestalten und kommt daher nicht nur dem eigentlichen Ziel jeder Diagnostik zugute, die Förderung der sprachentwicklungsgestörten Kinder zu optimieren, sondern kann auch helfen, die zeitlichen, personellen und finanziellen Ressourcen effektiver zu nutzen.
Mit der neuentwickelten Differentialdiagnostik soll es möglich sein, verschiedene Störungsformen zu unterscheiden. Dies ist sinnvoll, weil unterscheidbare Störungsformen auch unterschiedliche Förderungen erfahren sollten. Die Projektergebnisse bieten für die Entwicklung von Fördermaßnahmen neue Orientierungen. Denn erst eine angemessene Differenzierung von Störungsformen kann auch zur Entwicklung von angemessenen Förderungen führen, die sich in der Regel nicht an einer Theorie der normalen Sprachentwicklung orientieren werden, wie dies noch sehr häufig propagiert wird. Die Projektergebnisse haben daher auch vor allem in Sprachheilpädagogik und Logopädie zu lebhaften Diskussionen geführt und werden die weitere Entwicklung in Diagnostik und Therapie beeinflussen.
Anhang
Liste der im Projektrahmen erstellten Diplomarbeiten und Wissenschaftlichen Hausarbeiten
Bergstraeßer, M. (1998). Entwicklung von Aufgaben zur Erfassung von rhythmischen und sprachlichen Fertigkeiten bei Kindern. Unveröff. Wissenschaftliche Hausarbeit zur 1. Staatsprüfung für das Lehramt an Sonderschulen, Pädagogische Hochschule, Heidelberg.
Berner, G. (1998). Untersuchungen zur Differentialdiagnostik bei Sprachentwicklungsauffälligkeiten mit Vorschulkindern. Unveröff. Wissenschaftliche Hausarbeit zur 1. Staatsprüfung für das Lehramt an Sonderschulen, Pädagogische Hochschule, Heidelberg.
Bottemöller, K. (1999). Kurzzeitgedächtnis und sprachliche Leistungen: Sprachunauffälligen und sprachentwicklungsauffällige Kinder im Vergleich. Unveröff. Wissenschaftliche Hausarbeit zur 1. Staatsprüfung für das Lehramt an Sonderschulen, Pädagogische Hochschule, Heidelberg.
Bucher, J. (1998). Zur Entwicklung morphologischer und syntaktischer Strukturformen im Rahmen einer Differentialdiagnostik bei Spracherwerbsstörungen. Unveröff. Wissenschaftliche Hausarbeit zur 1. Staatsprüfung für das Lehramt an Sonderschulen, Pädagogische Hochschule, Heidelberg.
Buck, S. (1999). Sprachliche und sprachunspezifische Leistungen von sprachauffälligen und -unauffälligen Vorschulkindern. Unveröff. Wissenschaftliche Hausarbeit zur 1. Staatsprüfung für das Lehramt an Sonderschulen, Pädagogische Hochschule, Heidelberg.
Frank, V. (1998). Sprachfertigkeiten und auditives Kurzzeitgedächtnis - Ein Vergleich zwischen sprachauf-fälligen und sprachunauffälligen Kindern. Unveröff. Wissenschaftliche Hausarbeit zur 1. Staatsprüfung für das Lehramt an Sonderschulen, Pädagogische Hochschule, Heidelberg.
Freund, A. (1998). Sprachliche und nichtsprachliche Leistungen bei sprachauffälligen und sprachunauffälligen Kindern. Untersuchungen zur Differentialdiagnostik bei Sprachentwicklungsstörungen. Unveröff. Wissenschaftliche Hausarbeit zur 1. Staatsprüfung für das Lehramt an Sonderschulen, Pädagogische Hochschule, Heidelberg.
Köhler, T. (1998). Sprachliche und sprachunspezifische Leistungen von sprachentwicklungsgestörten und entwicklungsunauffälligen Vorschulkindern. Unveröff. Dipl.Arbeit, Pädagogische Hochschule, Heidelberg.
Lemminger, D. (1998). „Mach-Mit" und „Such-Mit" - Zwei neue Aufgaben zur Diagnostik bei Sprachentwicklungsauffälligkeiten? Unveröff. Wissenschaftliche Hausarbeit zur 1. Staatsprüfung für das Lehramt an Sonderschulen, Pädagogische Hochschule, Heidelberg.
Lehnert, E. (1999). Zur auditiven Informationsverarbeitung - Ein Vergleich zwischen sprachauffälligen und sprachunauffälligen Vorschulkindern. Unveröff. Wissenschaftliche Hausarbeit zur 1. Staatsprüfung für das Lehramt an Sonderschulen, Pädagogische Hochschule, Heidelberg.
Linde, E. (1999). Kurzzeitgedächtnis und sprachliche Leistungen: Sprachunauffälligen und sprachentwicklungsauffällige Kinder im Vergleich. Unveröff. Wissenschaftliche Hausarbeit zur 1. Staatsprüfung für das Lehramt an Sonderschulen, Pädagogische Hochschule, Heidelberg.
Ludwig, R. (1998). Zur auditiven Informationsverarbeitung bei sprachauffälligen Kindern - Ein Vergleich mit sprachunauffälligen Kindern. Unveröff. Wissenschaftliche Hausarbeit zur 1. Staatsprüfung für das Lehramt an Sonderschulen, Pädagogische Hochschule, Heidelberg.
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