Presse & Kommunikation

Mit Kindern auf literarische Spurensuche gehen

Herr Heizmann, woran forschen Sie gerade?
Herr Heizmann: Ich arbeite und forsche seit vier Jahren im Rahmen des Projekts "Das Literarische Unterrichtsgespräch", ein Modell, das vor über zehn Jahren von Prof. Dr. Gerhard Härle und einer Forschergruppe an der PH Heidelberg entwickelt wurde. Ich beschäftige mich dabei mit der Frage, wie das literarische Unterrichtsgespräch konkret im Unterricht durchgeführt und als Erfahrungsraum für literarisches Lernen vor allem in der Grundschule fruchtbar werden kann. Deshalb erhebe ich Daten, die nicht in Laborsituationen entstehen, sondern in konkreten Unterrichtssituationen. Mein Antrieb ist es also, Unterricht empirisch zu erforschen.

Was war Ihre Motivation, gerade in diesem Gebiet zu forschen?
Das Konzept des "Literarischen Unterrichtsgesprächs" wurde wie gesagt an der Hochschule entwickelt, d.h. die ersten Gespräche fanden mit Studierenden statt. Nachdem ich damit zunächst als Student im Lehramts- und Magisterstudium eigene Erfahrungen gesammelt habe, war das Spannende für mich als Doktorand, das Modell auf den Grundschulunterricht zu übertragen.
Ich setze mich unter anderem mit der Frage auseinander, ob und inwieweit es überhaupt möglich ist, literarische Unterrichtsgespräche mit kompletten Schulklassen, bei mir speziell mit Kindern der dritten und vierten Klasse, durchzuführen. Ich habe das immer wieder selbst erprobt, mir methodische Instrumente bzw. Settings überlegt und diese immer wieder verändert, um mit den Kindern Gespräche über Gedichte zu führen.

Wie gehen Sie bei diesen Gesprächen vor?
Literarische Unterrichtsgespräche gleichen einer Entdeckungsreise und diesen Gedanken habe ich dann auch für mein spezifisches Setting in der Grundschule genutzt: Die Kinder werden über mehrere Wochen hinweg zu "Textdetektiven" und "Textforschern" ausgebildet, indem sie gemeinsam mit ihren Lehrkräften in literarischen Gesprächen auf "Spurensuche" gehen. Die "Fälle", also die entsprechenden literarischen Texte, bringe ich immer in einem "Detektivkoffer" mit und zur Unterstützung erhalten die Kinder sogenannte "Textlupen", die sie im Verlauf des Gesprächs an die einzelnen Strophen der Gedichte oder Textstellen anheften können. Gerade solche Instrumente unterstützen die Kinder, sich zunächst auf einzelne Textteile zu konzentrieren und sich im Gespräch darauf zu beziehen. Nach und nach wird das dann zum Ritual.

Um welche Literatur handelt es sich zum Beispiel?
Insgesamt habe ich mich für Texte entschieden, die der Erwachsenen-, ja der Weltliteratur zuzurechnen sind, die aber auch die Grundschulkinder sehr faszinieren. Obwohl die Texte recht komplex sind, reagieren die Kinder häufig sehr spielerisch auf sie; um Texte zu verstehen, schlagen sie in den Gesprächen andere Wege als Erwachsene. Kinder bilden dabei interessante Hypothesen, die aber im Ergebnis oft jenen gleichen, die auch von erwachsenen Lesern oder sogar von der Literaturwissenschaft erwogen werden.

Liegen schon Ergebnisse Ihrer Forschung vor?

Ja, sogar auf mehreren Ebenen. Zum einen, dass es sehr gut möglich ist, mit kompletten Schulklassen solche Gespräche zu führen. Zum anderen untersuche ich vor allem die Strategien, die Kinder in literarischen Unterrichtsgesprächen bei der Begegnung mit komplexen Gedichten anwenden und welche Lernprozesse dadurch angestoßen werden. Gerade die Strategien, die Kinder anwenden, wurden bisher so nicht erforscht. Dazu habe ich auch erste Teilergebnisse publiziert und auf wissenschaftlichen Tagungen vorgestellt.

Wie lässt sich Ihre Arbeit im bildungswissenschaftlichen Alltag nutzen?
Zum einen führen wir im Forschungsprojekt Lehrveranstaltungen an der Hochschule durch, um mit Studierenden das Verfahren theoretisch zu erarbeiten und praktisch zu erproben. Zum anderen profitiert die PH Heidelberg insofern davon, als die PH als bildungswissenschaftliche Hochschule Lehrerinnen und Lehrer ausbildet, sie also vor dem Referendariat auf das didaktisch reflektierte Unterrichten vorbereitet. Grundsätzlich wissen wir auch aus der Einbeziehung des "Modells des Literarischen Unterrichtsgesprächs" in die Ausbildung von Lehrkräften an anderen Universitäten, dass damit der Raum, literarische Erfahrungen zu sammeln und diese an Schülerinnen und Schüler weitergeben zu können, sich enorm weitet - davon profitiert der "bildungswissenschaftliche Alltag" sowohl hinsichtlich eines neuen Lernsettings als auch hinsichtlich der Professionalisierung angehender Bildungsakteure.
Im Zentrum meiner Arbeit steht wiederum die Erforschung von Unterricht, sodass die Ergebnisse meiner Arbeit, wie in einem Kreislauf, auch für die Ausbildung von Deutschlehrern an Hochschulen interessant sein können. Außerdem wirkten Lehrerinnen und Lehrer in meiner Studie mit, die hier vor einigen Jahren ihr Staatsexamen absolvierten. Auch hier ist ein Kreislauf erkennbar: Die Hochschule kann vom Kontakt mit ehemaligen Studierenden enorm profitieren, was natürlich auch umgekehrt gilt.
Die Verzahnung von Schule und Hochschule hat in meinem Forschungsprojekt sehr gut funktioniert. Und davon profitiert wiederum die Hochschule.

veröffentlicht am 28. Januar 2013

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  • Qualitativ empirische Unterrichtsforschung
  • Fachdidaktik Deutsch
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