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"Ich würde es wieder so machen"

Professorin Dr. Welzel-Breuer spricht über ihre Begeisterung für Physik, ihren Weg in die Wissenschaft und darüber, warum der Funke bei allen überspringen kann.

Professorin Welzel-Breuer: "Es ist wichtig, sich bietende Gelegenheiten zu nutzen, konstruktiv zu denken und auch eigene Ideen einzubringen."

Karbe: Was begeistert Sie an Ihrem Fach?
Prof. Welzel-Breuer: Schauen Sie mal, wie dieses Prisma das Licht in die Spektralfarben zerlegt. Ist das nicht ein wunderschöner Regenbogen? Zu verstehen, wie solche Phänomene zustande kommen, hat mich schon immer begeistert. Meine Eltern haben uns früh an Naturphänomene herangeführt - beispielsweise die Jahreszeiten und Gewitter an den Havel-Seen, wo ich aufgewachsen bin. Physikalische Phänomene zu erleben, zu hinterfragen und sie im Alltag zu nutzen, das ist auch heute mein Anspruch an die Physik-Didaktik.

Sie haben in den 1980er Jahren in Jena Lehramt „Physik und Astronomie“ studiert, war das damals als Frau noch selten?
Ich bin ja in der DDR sozialisiert. Dass Frauen dort in so einem Bereich studierten und arbeiteten, war völlig normal. Es war selbstverständlich, dass ich im Werkunterricht der Schule Schleifen, Fräsen und Bohren gelernt habe. Und was die Naturwissenschaften betrifft, hatten wir beispielsweise deutlich mehr Physikunterricht und haben auch mehr experimentiert als in den westlichen Bundesländern. Auch im Physik-Studium hatte ich keine Sonderrolle, obwohl es etwas mehr Männer gab. Der Gleichstellungs-Frage bin ich erst 1991 in Westdeutschland an der Universität Bremen begegnet. Plötzlich wurde ich darauf aufmerksam gemacht, dass Frauen in unserem Bereich nicht selbstverständlich sind und traf auf „Frauenbeauftragte“. Allerdings hatten die Frauen in der DDR zwar eine etwas andere Rolle, aber letztlich lag die Care-Arbeit doch hauptsächlich bei ihnen.

Wie kam es zum Wechsel in die Wissenschaft?
Ich habe sieben Jahre als Lehrerin in der Sekundarstufe I gearbeitet und wurde dann angefragt, ob ich eine wissenschaftliche Aspirantur machen möchte. Das fand ich eine spannende Idee. Nach der Wende bekam ich gleich eine Promotionsstelle an der Universität Bremen und konnte mir sogar meinen Doktorvater aussuchen. Ich wurde im Bereich der Lernprozessforschung promoviert - allerdings war das als Alleinerziehende nur mit Unterstützung meiner Eltern möglich. 1999 wurde ich dann auf die Professur in Heidelberg berufen.

Sie hatten immer wieder Leitungsfunktionen, unter anderem als Prorektorin und Direktorin der Forscherstation – hatten Sie je das Gefühl, sich als Frau besonders behaupten zu müssen?
Ich glaube, das hängt auch etwas von der Persönlichkeit ab. Ich bin so sozialisiert, dass es für mich natürlich war, mich selbstbewusst in diesem Feld zu bewegen. Wenn man selbstbewusst auftritt, dann funktioniert es auch. Klar machen Männer schon mal komische Sprüche und Bemerkungen - die nehme ich aber nicht sehr ernst und gebe sie zurück.

Würden Sie das auch jungen Wissenschaftlerinnen raten?
Ja! Man sollte sich nicht unterordnen – dann hat man gleich verloren -, aber flexibel anpassen. Es ist wichtig, sich bietende Gelegenheiten zu nutzen, konstruktiv zu denken und auch eigene Ideen einzubringen. Es wird mal mehr und mal weniger anstrengend sein. Ich denke, die Komponenten aus der Motivationspsychologie müssen stimmen: Autonom arbeiten zu können, sich als kompetent zu erleben und sozial eingebunden zu sein. Für Letzteres sind Teams wichtig, in denen man sich miteinander besprechen kann – sowohl im Beruf als auch im Privaten oder mit anderen Frauen.

Was macht Ihren Beruf als Professorin bis heute für Sie attraktiv?
Dass ich Menschen für physikalische Zusammenhänge und das Anwenden von Wissen begeistern kann. Ich habe mich mit Physik für Hochbegabte beschäftigt, genauso wie für Straßenkinder und Kinder in schwierigen Lebenslagen – bei Erkenntnissen das Leuchten in den Augen zu sehen, ist immer wieder toll. Gerade an der Pädagogischen Hochschule hat die Didaktik einen hohen Stellenwert und wird nicht den Fachwissenschaften untergeordnet, das finde ich gut.

Das sind sehr unterschiedliche Zielgruppen.
Und alle konnten wir begeistern! Wir haben mit Lehramtsstudierenden in Kolumbien Möglichkeiten entwickelt, mit Straßenkindern physikalische Experimente zu erleben. Man kann diese Kinder nicht aus ihrem Milieu holen, aber kognitiv fordern. Bei Hochbegabten muss man wiederum das Lernangebot sprachlich und inhaltlich komplexer und auf einem höheren Niveau gestalten. Der Funke springt auch bei den Lehramtsstudierenden über: Wenn die erkennen, dass man sich das Wissen über eigenes Experimentieren selbst erarbeiten kann, ist das für mich das Größte.

Wie sehen Sie Ihren Weg im Rückblick?
Ich würde es wieder so machen. Auch wenn ich mir gerade in der Promotionsphase als Mutter flexiblere Strukturen gewünscht hätte. Leider hat die Gesellschaft bis heute wenig Verständnis, wenn sich das Private und der berechtigte Wunsch, sich beruflich weiterzuentwickeln, in die Quere kommen. Das sehe ich nun wieder bei meiner Tochter, die für die Care-Aufgaben ebenfalls gut unsere Unterstützung als Großeltern brauchen kann.

Ihr Ruhestand steht bevor, haben Sie Pläne?
Ich habe für das Amt der Dekanin noch einmal verlängert und versuche sicherzustellen, dass es hier ohne Brüche weitergeht. Da gibt es viele Verwaltungsaufgaben. Außerdem bereiten wir für den Herbst eine Fachtagung vor und ziehen gerade unsere Labore in den Neubau um. Gleichzeitig versuche ich, die Fakultät weiterzuentwickeln.

Wohin soll sich die Fakultät entwickeln?
Man muss die MINT-Fächer weiter stärken. Ich habe eine Abschlussarbeit betreut, in der Schüler:innen zu ihrer Einstellung zu Physik befragt wurden. Es zeigte sich, dass Mädchen in naturwissenschaftlichen Berufen nicht als attraktiv gesehen werden – und dass dies Mädchen wiederum daran hindert, in die Naturwissenschaften zu gehen! Ich fürchte, die alten Rollenbilder sind weiter in den Köpfen und werden durch Influencer und Medien wieder verstärkt. Wir müssen gerade Mädchen vermitteln, dass beides wichtig ist, die Familien und die eigene Entwicklung. Die Hochschule ist um ihre Studentinnen in den Naturwissenschaften bemüht und unterstützt sie. Man sollte nun nur nicht umgekehrt die Männer vernachlässigen.

Und was werden Sie machen, wenn Sie hier wirklich aufhören?
Pläne funktionieren bei mir nicht wirklich, ich lebe eher situativ. Mein Leben ist von ständigen Überraschungen und Möglichkeiten gekennzeichnet – ich habe immer in der Situation entschieden, woran ich Interesse habe. Ich könnte also in Kolumbien weiterarbeiten oder mit Hochbegabten, meinen Garten pflegen oder mit meinem Mann reisen. Oder einen Lehrauftrag übernehmen. Das wird sich zeigen.

Text: Antje Karbe
Foto: Birgitta Hohenester

Zur Person
Manuela Welzel-Breuer hat an der Universität Jena ein Lehramtsstudium für Physik und Astronomie absolviert und in der Sekundarstufen 1 unterrichtet. In Berlin absolvierte sie ein postgraduales Studium Pädagogik / Psychologie und war ab 1991 an der Universität Bremen tätig, wo sie auch promoviert wurde. 1999 wurde sie als Professorin für Physik und ihre Didaktik an die Pädagogische Hochschule Heidelberg berufen. Zudem war sie Prorektorin (2002-2009), Vorstandsmitglied der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (2005-2009), Präsidentin der ESERA (2011-2015), Direktorin der Forscherstation (2012-2015) und ist derzeit Dekanin der Fakultät für Natur- und Gesellschaftswissenschaften sowie Senatsmitglied der PHHD. Ihre Forschungsthemen sind Lernprozesse im naturwissenschaftlichen Unterricht, frühe naturwissenschaftliche Bildung, Naturwissenschaftliche Bildung für besonders und hochbegabte Kinder und Kinder in schwierigen Lebenslagen. Für das Projekt „Physik für Straßenkinder“ in Kolumbien wurde sie 2015 mit dem Georg-Kerschensteiner-Preis ausgezeichnet. Mehr unter .