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Apfelbäume blühen 12 Tage früher

Der SWR sammelt seit 20 Jahren Daten zur Apfelblüte, ein Geographen-Team der PHHD wertet aus – und verfolgt fast „live“, wie sich Jahreszeiten verändern

Am Institut für Geographie und Geokommunikation werden die Daten zur Apfelblüte als Karten visualisiert.

Der erste Apfelbaum blühte dieses Jahr im Oberrhein nahe des Südschwarzwald. Schon am 19. März sichteten SWR-Hörer:innen bzw. -Zuschauer:innen geöffnete Knospen. „Das liegt eigentlich noch im kalendarischen Winter, das hatten wir bisher so noch nie“, sagt Wissenschaftsredakteur Uwe Gradwohl in einem Radiobeitrag.

Verwundert ist er darüber nicht, genauso wenig wie Prof. Dr. Alexander Siegmund: Seit die SWR-Wissenschaftsredaktion und Geographen der Pädagogischen Hochschule Heidelberg gemeinsam die Entwicklung der Apfelblüte erfassen, schiebt sie sich stetig weiter nach vorne. 6 Tage pro Jahrzehnt sind es seit Beginn der „Apfelblütenaktion“ im Jahr 2006. Anders gesagt: Die Bäume blühen heute durchschnittlich rund 12 Tage früher als vor 20 Jahren.

In der Regel beginnt die Apfelblüte im Südwesten Deutschlands und zieht pro Tag etwa 40 Kilometer Richtung Nordosten. Ab Mai breitet sie sich auch in den Hochlagen der Alpen und in Skandinavien aus. Auch das ging in die Datensammlung ein, denn längst reicht die „Fan-Gemeinde“ der Apfelblütenaktion über Deutschlands Grenzen. Unter den rund 4000 Meldungen jährlich kommen auch Apfelblüten-Sichtungen aus Schweden, Österreich, der Schweiz, Spanien und sogar Portugal. „Der nördlichste Baum stand in Finnland“, erzählt Siegmund, „er blühte Mitte Juni im Garten eines deutschen Auswanderers.“

Geographie visualisiert Blühzeiten

Zusammengetragen werden die Sichtungen von Freiwilligen, jeder kann am Citizen Science-Projekt teilnehmen: In ein Online-Formular auf der SWR-Website werden unter anderem Datum, Standort, Apfelsorte und der Entwicklungsstand der Blüte eingetragen und optimalerweise ein Beweisfoto hochgeladen. Verarbeitet werden die Daten bislang vom Team der „Research Group for Earth Observation (rgeo)” am Institut für Geographie und Geokommunikation der PHHD. Nachdem das rgeo-Team über viele Jahre die Methodik zur Datenvisualisierung entwickelt und umgesetzt hat, erfolgt nun der Transfer in die SWR-Wissenschaftsredaktion – diese wertet die Daten auf Basis der von der PHHD geleisteten Pionierarbeit künftig selbst aus.

„Wir haben in den vergangenen Jahren täglich Daten bearbeitet, auch am Wochenende“, erzählt Dana Graulich. Ihr Kollege Julian Stolz zeigt, wie diese formatiert und in ein Geographisches Informationssystem (GIS) eingespeist werden. So erhalten sie einen „Raumbezug“ und die Verbreitung der Apfelblüte als Kennzeichen des Frühlings-Einzugs lässt sich auf einer Deutschlandkarte visualisieren. Gelbe Flächen stehen für eine frühe Sichtung, je dunkler das Grün, desto später die Blüte.

Die SWR-Redaktion wiederum berichtet regelmäßig dazu, unter anderem auch im „Wetter vor Acht“ und den Wetternachrichten der Tagesthemen, und macht die Ergebnisse öffentlich zugänglich. Auf der SWR-Seite der „Apfelblütenaktion“ wird der Trend der frühen Blüte mit Grafiken sichtbar. Die Beobachtungen decken sich mit der jährlichen Erfassung durch den Deutschen Wetterdienst und auch mit allgemeinen Erkenntnissen zur Verschiebung der Jahreszeiten.

Welche Folgen hat die Verschiebung?

Man habe Apfelbäume für die Aktion ausgewählt, weil sie weit verbreitet seien, sagt Siegmund. „Zudem gilt die Apfelblüte in der Phänologie, der Wissenschaft von jährlich wiederkehrenden beobachtbaren Vorgängen in der Natur, als Beginn des Vollfrühlings.“ Dass sie nun früher auftrete klinge erstmal unproblematisch, so der Geograph. „Aber wenn damit die ganze Vegetation früher voranschreitet, kann das weitgreifende Folgen haben.“

So lässt sich beispielsweise schwer abschätzen, ob die Verschiebung auch das Gleichgewicht zwischen bestimmten Bestäuber-Insekten und „ihren“ Pflanzen beeinflusst. Oder wie stark Obstblüten frühjahrstypischen Kälteeinbrüchen ausgesetzt sind, wenn sie durch den Klimawandel im Durchschnitt früher blühen. Erfrieren sie, wird das für die Obstbauern zum Problem: „Vor einigen Jahren musste das Bodenseegebiet wegen des Ernteausfalls zum Katastrophengebiet erklärt werden“, erzählt Siegmund. „So konnte das Land die Bauern finanziell unterstützen.“

Den Umweltforschern Julian Stolz und Nils Schorndorf fallen noch einige (Forschungs)fragen ein, die sich mit dem Datenschatz bearbeiten ließen, der hier zusammengetragen wurde – immerhin rund 30.000 Datenpunkte. Das sei richtig wertvoll, „ein Traum für einen Wissenschaftler“, sagt Stolz. „Damit könnte man sich noch intensiv beschäftigen.“

Interessant könnte beispielsweise sein, ob die Verschiebung mit der Grünlandtemperatur korreliert, einem Wert aus der Agrarmeteorologie, der Aufschluss darüber gibt, wann Wälder grün werden und die Feldarbeit beginnen kann. Oder ob sich der letzte Frost mit der gleichen Geschwindigkeit nach vorne verschiebt wie der Beginn der Blüte. Und welche Zukunftsprognosen lassen sich aus den Beobachtungen für die Apfelbäume ableiten?

In dem Thema steckt noch einiges, ist sich auch Institutsleiter Siegmund sicher. „Wir werden weiter dazu forschen und dazu sicher auch weiter mit dem SWR kooperieren.“

Das Projekt
Die „Apfelblütenaktion“ wurde von 2006 bis 2026 gemeinsam von der Research Group for Earth Observation (rgeo) des Instituts für Geographie und Geokommunikation an der PHHD und dem Südwestdeutschen Rundfunk (SWR) durchgeführt. In dem Citizen Science-Projekt melden Freiwillige über ein Online-Formular blühende Apfelbäume. Die daraus erarbeiteten Karten und Grafiken geben Aufschluss über den Witterungsverlauf in Deutschland und zeigen erste Trends auf, die mit den Mustern des Klimawandels übereinstimmen zu scheinen.

Alle Daten zur Apfelblütenaktion 2026:

Text: Antje Karbe
Foto: Birgitta Hohenester