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Neue Debatte um das Einschulungsalter?

Aus Kostengründen schlagen Baden-Württembergische Bürgermeister vor, den Stichtag für die Einschulung zu verschieben. Entwicklungspsychologe Prof. Dr. Jan-Henning Ehm hält dies für wenig zielführend.

Prof. Dr. Jan-Henning Ehm

Herr Ehm, was würde eine Verlegung des Stichtags für Eltern und Kinder bedeuten?
Kinder, die bis zum Stichtag das 6. Lebensjahr erreichen, müssen im gleichen Jahr eingeschult werden. Es kämen also mehr jüngere Kinder in die Schule. In den meisten Bundesländern ist der Stichtag der 30. Juni. Baden-Württemberg war – wie Bayern und Berlin – schon mal beim 30. September und ging in den vergangenen Jahren schrittweise auf den 30. Juni zurück.

Die Idee ist nicht neu?
Keineswegs! Seit den späten 1990er Jahren wird immer wieder über das richtige Einschulungsalter debattiert. Alle Bundesländer haben experimentiert, dabei ging es oft um eine frühere Einschulung.

Halten Sie die Verschiebung des Stichtags für eine gute Idee?
Die Fixierung auf das Alter ist aus entwicklungspsychologischer Sicht problematisch. Wenn Kinder in die Schule kommen unterscheiden sie sich hinsichtlich ihrer individuellen Voraussetzungen ohnehin extrem. Sinnvoller scheint eine Flexibilisierung. So gibt es ja bereits „Einschulungskorridore“: Fünfjährige sind „Kann-Kinder“ und dürfen bei entsprechender Einschätzung von Eltern und Lehrkräften frühzeitig eingeschult werden. Gleichzeitig ist nachvollziehbar, dass ein Bildungssystem aus administrativen Gründen feste Stichtage und Planbarkeit für Schulen, Kitas und Eltern braucht. 

Gibt es wissenschaftliche Evidenz zum richtigen Einschulungsalter?
Die gibt es nicht. Schulbereitschaft ist kein fixer Alterswert, sondern ein individueller Entwicklungsprozess. Sie hängt von vielen Faktoren ab – vom Kind selbst, seinem sozialen Umfeld, aber auch davon, wie gut eine Schule auf unterschiedliche Entwicklungsstände vorbereitet ist. Klar ist aber auch: Alter und Entwicklungsstand hängen eng zusammen. Je jünger Kinder in die Schule kommen, desto weniger gelingt es ihnen möglicherweise lange Zeit aufmerksam zu sein –eine zentrale Voraussetzung, um bestmöglich von Unterricht zu profitieren. 

Um die Kompetenzen der Kinder hier zu fördern, verändert Baden-Württemberg gerade mit dem Landesprogramm „SprachFit“ grundlegend den Einschulungsprozess. Schulpflichtige Kinder, die noch Unterstützung brauchen, werden künftig in „Juniorklassen“ auf die Schule vorbereitet. Wir begleiten das Programm von PH-Seite wissenschaftlich, die ersten Klassen laufen dieses Jahr an. Welche Effekte diese neuen Übergangsformate auf die Entwicklung und Lernprozesse der Kinder haben – und unter welchen Bedingungen sie wirksam sind – ist noch offen und Gegenstand unserer Begleitforschung.

Woran erkenne ich überhaupt, ob mein Kind bereit für die Schule ist?
Das lässt sich nicht mit einem einfachen Kriterium beantworten. Eltern, pädagogische Fachkräfte, Lehrkräfte und die Wissenschaft beschäftigen sich damit ständig. Aus wissenschaftlicher Sicht sind die sprachlichen Voraussetzungen zentral, weil Sprache die Schlüsselrolle für Lernen und Teilhabe hat. Wichtig sind auch Selbstregulation, Aufmerksamkeit, der motorische Bereich und Eigenständigkeit.

Man kann es als begrifflichen Fortschritt sehen, dass wir heute von „Schulbereitschaft“ sprechen (statt „Schulreife“): Nicht nur das Kind soll bereit für die Schule sein, sondern auch die Schule für die individuellen Voraussetzungen, die das Kind mitbringt. Richtig toll wären Orte des gemeinsamen Lernens für Kindergarten- und Grundschulkinder. Solche Lernorte machen Anschlussfähigkeit sichtbar und erlebbar. Sie erleichtern Übergänge, weil Lernen nicht abrupt neu beginnt, sondern auf vorhandene Erfahrungen aufbaut.

Jan-Henning Ehm ist Professor für Entwicklungs- und Pädagogische Psychologie an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg und leitet den Studiengang Gemeinsam mit weiteren Kolleg:innen evaluiert er das Landesprogramm SprachFit. Mehr Informationen unter

Gespräch: Antje Karbe
Foto: Verena Loos