Seit Oktober als Prorektorin im Amt: Prof. Dr. Marita Friesen spricht über ihre neuen Aufgaben und darüber, was die Ressorts Forschung und Internationales attraktiv macht.
Wenn Sie auf Ihre ersten Monate als Prorektorin für Forschung und Internationales im Amt zurückblicken – was hat Sie überrascht?
Marita Friesen: Die vielfältigen Aufgaben eines Rektorats. Selbst als Professorin hat man wenig Einblick, wie viele Entscheidungen und Prozesse hier zusammenlaufen. Den Blick „hinter die Kulissen“ finde ich faszinierend und erkenntnisreich.
Und welches Thema haben Sie als Erstes angepackt?
Man bringt idealistische Vorstellungen mit, wofür man sich einsetzen möchte. Und dann bekommt man erstmal eine Mappe mit To Do’s, in die man sich einfinden muss – ich bin ja nicht von Null gestartet, sondern habe laufende Geschäfte übernommen. Ein Thema war beispielsweise gerade die Überarbeitung der Promotionsordnung. Auch stehen unter anderem die Weiterentwicklung der Forschungsbewertung und des Forschung-Datenmanagements an.
Veränderungen sind oft nicht so einfach und schnell umzusetzen, wie es von außen wirkt. Umso mehr schätze ich die Zusammenarbeit mit dem tollen Rektoratsteam und den Teams in meinen Ressorts Forschung und Internationales, beides wunderbare Ressorts für mich.
Inwiefern liegen Ihnen gerade diese beiden Ressorts?
Die Forschung im internationalen Kontext ist mir vertraut, die Mathematik-Didaktik ist sehr international aufgestellt. Ich arbeite in entsprechenden Gremien mit und leite beispielsweise in der Europäischen Forschungsgemeinschaft die Arbeitsgruppe „Teacher Education and Professional Development“, genau unser Thema an der PHHD. Als Prorektorin für Internationales und Forschung finde ich es sehr wichtig, auch im Amt selbst weiter zu forschen und internationale Netzwerke zu leben, sonst bleibt alles graue Theorie.
Lassen Sie uns einen Blick auf den Bereich „Forschung“ werfen: Wo sehen Sie hier noch Entwicklungspotenzial?
Es ist mir wichtig, dass wir den „Forschungsservice“ der PHHD weiter ausbauen. Vom Early Career Researcher bis zur Professur: Wir brauchen für jede Karrierestufe einer akademischen Laufbahn spezifische Beratungs- und Unterstützungsangebote. Das beginnt mit Workshops für Masteranden und Promovierende und geht bis zur Drittmittel-Beratung für Professor:innen.
Die Hochschule bietet hier bereits einiges an, beispielsweise finanzielle Förderungen für Tagungen und Konferenzen, das
Insgesamt wünsche ich mir mehr Aufmerksamkeit für unsere Forschung. Pädagogische Hochschulen identifizieren sich leichter mit Lehre oder Theorie-Praxis-Schnittstellen als mit exzellenter Forschung – dabei bringen doch gerade sie die Forschung in den Fachdidaktiken, die Unterrichts- und Lehrerbildungsforschung nach vorne. Es darf noch sichtbarer werden, wie viel Expertise die PHHD hier zu bieten hat.
Wie soll sich der Bereich „Internationalisierung“ nach Ihrer Amtszeit verändert haben?
Wir sind an der Hochschule gut aufgestellt, Henrike Schön und ihr Team vom
Möglichst viele Lehramtsstudierende sollten Auslandserfahrung sammeln – für ihre persönliche Entwicklung und als künftige Lehrkräfte und Multiplikator:innen. Sie gewinnen dabei Offenheit, Toleranz, einen Blick für Vielfalt und können das über viele Jahre weitergeben. Umgekehrt wünsche ich mir, dass unsere internationalen Gäste noch stärker in das akademische Leben vor Ort eingebunden sind und internationale Studierende mehr mit unseren Studierenden zusammenkommen.
Mein Ziel ist, Internationales und Forschung systematischer zu verbinden: Wir haben viele internationale Forschungsprojekte und die Kolleg:innen pflegen internationale Netzwerke. Die Idee ist, dies gezielt zu strategischen Hochschulpartnerschaften auszubauen, mit Austausch auf verschiedenen Ebenen.
Sie sind Professorin, Prorektorin, geschäftsführende Direktorin der HSE und unter anderem 2. Vorsitzende der Gesellschaft für Didaktik der Mathematik – wie kriegen Sie Ihre unterschiedlichen Funktionen unter einen Hut?
Den Balance-Akt lernt man über die Jahre, das hat sich ja langsam aufgebaut. Es erfordert Koordination, ergibt aber auch tolle Synergieeffekte. Durch die vielfältigen Einblicke lernt man, wie Prozesse funktionieren, wo sich Ansprechpersonen finden oder wie man Netzwerke schafft, und kann dies dann wieder in die verschiedenen Bereiche zurückspielen. Ich finde es bereichernd, mit vielen Menschen und Gremien in Kontakt zu kommen. Grundvoraussetzung ist natürlich, dass an allen Stellen, an denen ich tätig bin, traumhafte Teams arbeiten, das mache ich auf keinen Fall alleine.
Auch im Rektorat sind Sie in ein Team eingebunden – wie darf man sich die Zusammenarbeit vorstellen und was ist Ihnen dabei wichtig?
Wir sind ständig in Kontakt. Als „kollegiales“ Rektorat arbeiten wir ressortübergreifend zusammen an Themen und beraten vieles gemeinsam – für das höhere Ziel, die Hochschule voranzubringen. Ich schätze diese gegenseitige Unterstützung sehr. Wichtig finde ich Transparenz und gute Kommunikationsprozesse. Wir treffen viele Entscheidungen, da müssen die betroffenen Personen und Abteilungen im Haus gut eingebunden sein. Es ist unsere Verantwortung, Entscheidungen gut zu begründen und zu kommunizieren.
Bei welchen Herausforderungen im Prorektorinnen-Amt ist die Mathematikerin in Ihnen hilfreich?
Situationen schnell zu erfassen und zu analysieren, Wichtiges zu priorisieren und Probleme zu lösen, das ist auch der Kern der Mathematik. Im Alltag läuft es ja nicht lehrbuchmäßig ab, sondern man trifft immer wieder Einzelfall-Entscheidungen und muss die Konsequenzen abschätzen. Aber Fallunterscheidungen sind in der Mathematik auch wichtig – insofern ist das alles hilfreich (lacht).
Was machen Sie, wenn Sie den Kopf mal richtig frei kriegen wollen?
Ich gehe gerne raus in die Natur, aber das Wichtigste ist für mich Lesen. Ich kann keinen Tag verbringen, ohne ein Buch in die Hand zu nehmen und brauche die „Geschichten“ zum Abschalten: Zuletzt habe ich „Liebe in Zeiten des Hasses“ von Florian Illies sehr geschätzt. Meine Lieblingsbücher lese ich immer mehrfach. Insbesondere die deutschen und englischen Klassiker, oder auch Krimiklassiker von Agatha Christie und Arthur Conan Doyle.
In Anlehnung an das Interviewformat einer bekannten Wochenzeitung: Und sonst so?
Wir sollten uns nicht im täglichen Klein-Klein verlieren, sondern das große Ganze im Blick behalten, wofür wir an der PH Heidelberg angetreten sind, nämlich für gute Bildung.
Wir leben in Umbruchzeiten, und was wir täglich in den Nachrichten sehen, beschäftigt auch Schüler:innen und alle, die in der Bildung tätig sind. Deshalb müssen wir Lehrkräfte so ausbilden, dass sie gestärkt in die Gesellschaft und ihren Berufsalltag gehen. Wir sind gefordert, Querschnittskompetenzen (sogenannte Future Literacies) wie Demokratiebildung, kritische Medienbildung oder Bildung für Nachhaltige Entwicklung noch stärker zu implementieren. Als Hochschule brauchen wir eine klare Haltung und sollten gleichzeitig einen Diskussionsraum bieten: Wo, wenn nicht an einer Hochschule, sollen gesellschaftliche Fragen mit jungen Menschen besprochen, verhandelt und diskutiert werden.
Zur Person
Marita Friesen studierte Mathematik, Geographie und Englisch für das Realschul-Lehramt an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg sowie „Modern Language and Area Studies“ an der University of Northumbria at Newcastle upon Tyne. Zusätzlich schloss sie in ihren Fächern den Magisterstudiengang Fachdidaktik an der PHHD ab. Sie unterrichtete acht Jahre an der Realschule Boxberg. Promoviert wurde sie an der PH Ludwigsburg und ab 2019 war sie als Juniorprofessorin an der PH Freiburg tätig.
2022 wurde sie auf die heiEDUCATION-Professur für Didaktik im mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich an der PHHD und der Heidelberg School of Education (HSE) berufen. Seit April 2024 leitet sie die HSE als Geschäftsführende Direktorin seitens der PHHD und im Oktober 2025 wurde sie zur
Weitere Informationen unter
Text: Antje Karbe
Foto: Birgitta Hohenester