Laienhelferinnen für kultursensible Familien- und Elternarbeit

Ein Projekt des Jugendamts Rhein-Neckar-Kreis in Kooperation mit dem Heidelberger Zentrum für Migrationsforschung und Transkulturelle Pädagogik


Das Landratsamt/ Jugendamt Rhein-Neckar-Kreis sieht im Hinblick auf die Integration von Bevölkerungsgruppen mit ausländischem Hintergrund ein wichtiges strategisches Ziel und widmet dem Aufbau einer Willkommenskultur im Rhein-Neckar-Kreis besondere Aufmerksamkeit. Die Erarbeitung und die Umsetzung konkreter Projekte zur Bildungs- und Integrationsförderung von Familien mit Migrationshintergrund stehen deshalb besonders im Blickfeld.

In der Kooperation „Laienhelferinnen für kultursensible Familien- und Elternarbeit“ des Jugendamtes Rhein-Neckar-Kreis mit dem Zentrum Hei-MaT der Pädagogischen Hochschule Heidelberg wird seit 2012 ein Ansatz in der Familien- und Elternbildung etabliert, der neue Perspektiven im Sinne einer qualitativen Weiterentwicklung bestehender sozialpädagogischer Praxis von Fallbearbeitung und Beratung von Familien mit Migrationshintergrund entwickeln will.

Ziel ist es die Zusammenarbeit mit Migrantenfamilien zu verbessern und Unterstützungsangebote so optimal wie möglich für diese Familien bereitzustellen. Das Projekt „LaienhelferInnen für kultursensible Familien- und Elternarbeit“ leistet dafür einen wichtigen präventiven Beitrag. Als niedrigschwelliges Hilfsangebot für Familien mit Migrationshintergrund können Unterstützungsangebote in Familien zeitnah und ohne bürokratische Hürden umgesetzt werden.
Das Kreisjugendamt hat nach der positiven Erfahrung der ersten Projektphase 2012 bis 2014 entschieden, das Angebot auszubauen.


Erste Projektphase: Pilotphase 2012-2014

Niederschwellige Angebote an Familien mit Migrationshintergrund, in denen die je spezifische sprachliche, kulturelle und religiöse Familienkultur stärker berücksichtigt werden können, stellen einen wesentlichen Faktor für das Gelingen noch wirkungsvollerer und vor allem passgenauerer Erziehungshilfen dar. Dafür wurden in der ersten Projektphase interessierte Frauen mit türkischem Hintergrund und Sprachkenntnissen in Deutsch und Türkisch gewonnen, die mit einem speziell im Hei-MaT-Zentrum entwickelten Ausbildungsprogramm für die Tätigkeit als „Laienhelferin“ vorbereitet wurden. Im Mittelpunkt steht dabei u.a., mehrsprachige Beratungen und Unterstützungen in der Familie anzubieten, die aufgrund der fehlenden Sprachbarriere und der „kulturellen Nähe“ effektiver an den Ressourcen von Kindern und Familien ansetzen können, um Vertrauen und Bereitschaften für eventuelle weitergehende professionelle Hilfemaßnahmen seitens des Jugendamtes in den betroffenen Familien aufzubauen. Begleitend wurden außerdem Fortbildungen für die Mitarbeiter/- innen im Jugendamt und aus der Sozialpädagogischen Familienhilfe durchgeführt.

Im September 2015 wurde für die erste Runde im Projekt „Laienhelferinnen für kultursensible Familien- und Elternarbeit“ der Evaluationsbericht fertiggestellt. Abschließend ist festzuhalten, dass das vorliegende Laienhelferinnen-Projekt einen zentralen Baustein in der Zusammenarbeit Jugendamt und Migrationseltern bildet und es im besonderen Maße gelingt, die bisherigen Lücken von Beratung und sozialer Unterstützung, die sich aus unterschiedlichen herkunftssprachlichen und soziokulturellen Ausgangspunkten der Familien heraus ergeben, zufriedenstellend zu schließen.

Start der zweiten Projektphase: 2015 - zweite Qualifizierungsrunde von Laienhelfern/-innen

Konzeptionell wird das Projekt ab 2015 fortgeschrieben und ausgeweitet auf weitere Migrantengruppen. Die perspektivische Weiterentwicklung startet 2015 und wird 2016 fortgeführt.

In der zweiten Projektphase werden Laienhelfer / Laienhelferinnen qualifiziert, die selbst über Sprachkenntnisse in Russisch und Deutsch oder Italienisch und Deutsch oder Arabisch und Deutsch verfügen:

Für die Qualifikation zur Laienhelferin haben sich 10 interessierte Frauen beworben. Nach ihrer Qualifikation zur Laienhelferin/zum Laienhelfer am Zentrum „Hei-MaT“ (mit Zertifikat) werden sie Familien mit Migrationshintergrund unterstützen, begleiten und beraten. Sie stehen Müttern und Vätern beratend zur Seite und versuchen z.B. Ängste, Hemmungen und / oder Vorurteile gegenüber Unterstützersystemen für Familien abzubauen. Die Laienhelferinnen und –helfer vermitteln auch Erziehungsgrundsätze und helfen, unterschiedliche Erziehungsvorstellungen (die sich z.B. durch die kulturellen Unterschiede ergeben) zu erklären.

Im November 2015 wurde die zweite Qualifizierungsrunde der Laienhelferinnen abgeschlossen. Somit können die „neuen“ Laienhelferinnen ab Januar 2016 in der Praxis eingesetzt werden.

Die Laienhelferinnen stellen sich kurz vor

Asma Zarrug
Hanadi Bismar
Daria Kopjewa
Vjollca Islami-Koliqi


Kurzporträt von Asma Zarrug

Ich wurde 1969 geboren. Nach meiner Schulzeit studierte ich an der Carleton University in Ottawa, Kanada. Ich besitze einen Bachelor of Arts in Biologie (1996). Ich kann Deutsch, Englisch und Arabisch in Wort und Schrift.

Berufliche Tätigkeiten:

  • Seit 2013 bin ich als Lehrbeauftragte bei der Pädagogische Hochschule in Heidelberg für Arabisch tätig.
  • Seit September 2012 bin ich in der „Ajyal Arabische Schule“ samstags in Mannheim; als Arabisch-Lehrerin für Kinder im Alter von 7 bis 13  Jahren (1-3 Klasse) tätig.
  • Von Februar 2007 bis Juni 2012, war ich bei der Mannheimer Abend Akademie im Bereich „Arabische Schule“ samstags; als Arabisch-Lehrerin für Kinder im Alter von 8 bis 16 Jahren (3-6 Klasse). Organisation einer Theater-AG für die Schülerinnen und Schüler der Schule, und im 9/2010 - 06/2011 Realisierung des interkulturellen Theaterstücks „Kinder des Mondes“, eine Erzählung über die arabischen Monatsnamen.
  • Von September 1996 bis Mai 1997, war ich Lehrerin in der „Ottawa Islamic School” in Ottawa, Kanada. Klassenstufen: 1,4,8 in den Fächern Mathematik, Englisch, Religion, MeNuK. 
  • Von Oktober 1994 bis Juni 1995 hatte ich eine Freiwilligenarbeit bei „Fielding Drive Public School” als Lehrerin im Bereich ESL (English as Second Language- Program) mit 10 bis14-Jährigen.

Kurse/Seminare:

  • Im Oktober und November 2010 habe ich mich als Kursleiter für das Projekt “Schuleplus” (Landeszentrale für politische Bildung  Baden-Württemberg) qualifiziert.

  • Seit 2015: Teilnahme an der Qualifikation zur Laienhelferin.

Kurzporträt von Hanadi Bismar

  • Sprachmittlerin Arabisch-Deutsch
  • Seit 2015: Teilnahme an der Qualifikation zur Laienhelferin

Kurzporträt von Daria Kopjewa

  • Erster pädagogischer Abschluss in Russland,
  • 2010 kam ich nach Deutschland und studierte dann an der Uni Heidelberg,
  • Zur Zeit mache ich die postgraduale Weiterbildung zur Kinder und Jugendlichenpsychotherapeutin an IFKV Bad Dürkheim,
  • Seit 2015: Teilnahme an der Qualifizierung zur Laienhelferin

Kurzporträt von Vjollca Islami-Koliqi

Ich heiße Vjollca Islami Koliqi, lebe seit 11 Jahren in Deutschland, bin verheiratet und habe zwei Kinder (10 und 8).
Ich habe einen Magister für albanische Sprache und unterrichte seit 2008 Kinder in Bruchsal.Zuvor habe ich in meiner Heimat an der Uni gearbeitet und war auch als Journalistin tätig.
Ich würde mich als kommunikativ, sozial und offen bezeichnen. Ich lerne gerne neue Menschen und Kulturen kennen und möchte mich beruflich weiterentwickeln.
Seit 2015 nehme ich an der Qualifizierung zur Laienhelferin teil.

Projekt des Jugendamts Rhein-Neckar-Kreis mit dem Heidelberger Zentrum für Migrationsforschung und Transkulturelle Pädagogik


Im  Rhein-Neckar-Kreis leben über 14.000 türkischstämmige Migranten. Sie stellen die weitaus größte Bevölkerungsgruppe mit Zuwanderungsgeschichte dar. 

Nicht nur allein die Anzahl der türkischen Migranten, sondern auch ihre spezielle Lebenssituation, macht einen Bedarf an erzieherischer Unterstützung durch ein Projekt, das niederschwellig ansetzt, notwendig.

Viele türkischstämmige Familien sind traditionell geprägt; während der Mann arbeitet, ist die Frau für den Haushalt und die Kindererziehung zuständig. Viele Frauen kommen als junge Heiratsmigrantinnen aus der Türkei nach Deutschland. Meist sind sie Anfang zwanzig, sprechen wenig Deutsch und können sich häufig mit den Verhältnissen in Deutschland schwer zurechtfinden. Nach der Geburt der Kinder, für deren Erziehung sie in der Regel allein zuständig sind, sind viele der jungen Mütter überfordert. Eine traditionelle Großfamilie, die ihnen zu Hause Halt, Orientierung und Unterstützung gegeben hat, ist nicht oder nur noch rudimentär vorhanden. Meist sind sie bei der Erziehung auf sich allein gestellt. Probleme gibt es oftmals in der Schule.

Neben sprachlichen und schulischen Defiziten, kommt es immer wieder zu Erziehungsschwierigkeiten, die mit dem Alter der Kinder noch zunehmen. Eine Unterstützung der Frauen durch die Väter findet selten statt, da Erziehung und Hausarbeit traditionell Aufgabe der Frauen ist. Angesichts der schwierigen Problemlagen, leiden viele Frauen an sog. Migrationskrankheiten wie Depressionen, Bluthochdruck, Herz- und Kreislaufbeschwerden, die sich wiederum negativ auf die Eltern-Kind-Beziehung auswirken. Bei anhaltenden Problemen wird oftmals von Seiden der Gemeinde, der Schule oder des Kindergartens der Allgemeine Soziale Dienst (ASD) des Jugendamts eingeschaltet. Die Kollegen des ASD sind angesichts der kulturellen Differenzen zwischen ihrem persönlichen und beruflichen Hintergrund und der Lebensweise der türkischstämmigen Familien gefordert; sie stehen oftmals vor dem Problem, eine geeignete Hilfe einzuleiten, die angesichts der kulturellen Differenzen schwer zu finden ist.

Das Projekt, das der Kreis mit dem Heidelberger Zentrum für Migrationsforschung und Transkulturelle Pädagogik (Hei-MaT) realisiert, setzt an diesen Punkten an. Es besteht aus folgenden Teilen:

  1. Laien mit türkischem Migrationshintergrund, die i. d. R. eine eigene Familie haben, suchen türkischstämmige Familien auf, die zwar noch über familiäre Ressourcen verfügen, angesichts der Überforderung der Mütter (und Väter) aber gefährdet sind. Die Laien reden mit den Müttern und Vätern über Erziehung, weisen auf die Notwendigkeit hin, mit den Kindern zu spielen, ihnen vorzulesen und bei Problemen auf sie einzugehen. Auch bei schulischen Schwierigkeiten stehen sie den Familien beratend zur Seite und versuchen bei kulturellen Verständigungsschwierigkeiten zu vermitteln. Thematisiert wird insbesondere die Rolle der Väter, die für ein stärkeres Engagement in Erziehungsfragen motiviert werden. Es handelt sich insgesamt um eine niederschwellige aufsuchende Hilfe,  die unterhalb der Hilfen zur Erziehung (§§ 27ff SGB VIII) liegt. Die aufsuchenden Laien werden von Prof. Dr. Engin ausgebildet und auch während ihres Einsatzes begleitet und unterstützt. 
  2. Der zweite Teil des Projekts richtet sich an Mitarbeiter der Sozialpädagogischen Familienhilfe (SPFH). Grundlage für den Einsatz einer Familienhilfe ist ein erzieherisches Defizit in einer Familie, das durch den ASD festgestellt wurde. Grundsätzlich ist die Sozialpädagogische Familienhilfe die Hilfe, die bei Problemen von Familien vorrangig eingesetzt wird. Sie gehört zu den Hilfen zur Erziehung gem. §§ 27ff SGB VIII und wird über ein formales Verfahren eingeleitet und begleitet. Sie ist ebenfalls aufsuchend.
    Abgesehen von einigen wenigen Familienhelfern mit Migrationshintergrund, die bei freien Trägern beschäftigt sind, verfügen auch die Familienhelfer i. d. R. über wenig interkulturelle Kompetenz. Die Einsätze erfolgen daher meist vor dem Hintergrund ihrer eigenen Vorstellung von Familie, die den Problemen türkischstämmiger Familien nicht immer gerecht wird. Hier setzt der zweite Teil des Projekts an. Die Familienhelfer des Jugendamts werden durch Prof. Dr. Engin in kultursensibler Familien-/Elternarbeit fortgebildet und ggf. auch supervidiert.
    Eine Laienhelferin kann auch als „Brückenbauer“ und als Multiplikator im Rahmen eines SPFH-Einsatzes eingesetzt werden.
  3. Eine Fortbildung in kultursensibler Elternarbeit bzw. in inter-/transkultureller Pädagogik ist ebenfalls für den Allgemeinen Sozialen Dienst des Jugendamts vorgesehen, da dieser als erster mit türkischstämmigen Familien in Berührung kommt, die Familien berät und ggf. intervenieren sowie den Hilfebedarf abschätzen und geeignete Hilfen einleiten muss.