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Professionell mit Radikalisierung umgehen

Fachtagung zum 5-jährigen Jubiläum: PHHD und Partner schulen im Kontaktstudium Fachkräfte aus der Bildungsarbeit zum Umgang mit Extremismus

Prof.in Dr. Havva Engin etablierte das Kontaktstudium „Extremismus und Radikalisierung“ an der PHHD.
Anlässlich des 5-jährigen Jubiläums fand die Fachtagung „Radikalisierung erkennen“ statt.
Kriminologe Prof. Dr. Hans-Jürgen Kerner
Tagungsbesucher:innen diskutieren zum Thema Radikalisierung.

Was tun, wenn sich junge Menschen radikalisieren? Im Kontaktstudium „Extremismus und Radikalisierung“ schult die Pädagogische Hochschule Heidelberg seit 2021 hierzu Fachkräfte aus der Bildungsarbeit. Zum fünfjährigen Jubiläum hatte sie am 5. Februar gemeinsam mit den Kooperationspartner:innen aus der Praxis zu einer Fachtagung eingeladen.

Ein wenig gefeiert wurde in der Aula der PHHD, vor allem aber gesprochen und reflektiert über die aktuelle Situation: Extremistische Strömungen werden in den vergangenen Jahren im öffentlichen Raum, in sozialen Medien und auch in Bildungseinrichtungen sichtbarer. Gleichzeitig findet Radikalisierung immer öfter in den eigenen vier Wänden und über Social Media statt: Es sei nicht mehr nötig, sich einer Gruppierung anzuschließen, sagte Kriminalhauptkommissar Karl Appel in seinem Vortrag. Menschen auf Sinnsuche würden bei Influencern fündig und radikalisierten sich vor dem PC, bestärkt durch die „Echokammern“ des Internets.

Oft gehe es nicht mehr um komplexe Ideologien, sondern um Fragmente von Thesen, die zum Selbstbild passten. „Die Polizei spricht hier von Lifestyle Radikalisierung“, sagte Appel. Angefeuert werde dies durch Deep-Learning-Algorithmen, die das Verhalten von Nutzer:innen über den Suchverlauf analysierten und dazu wiederum „Stoff“ lieferten. Künftig könnten diese selbst inhaltlich darauf abgestimmt Angebote kreieren, die kaum noch als „Deep Fake“ zu erkennen seien.

Einzigartige Einblicke in die Praxis

Entwicklungen wie diese zu verstehen, gehört zu den Zielen der berufsbegleitenden Weiterbildung. Pädagogische Fachkräfte aus Schulen und Bildungseinrichtungen lernen hier, verschiedenen Formen des Extremismus zu erkennen, die Gefahrenlage und Dynamik einer Situation abzuschätzen und professionell zu reagieren.

Angefangen habe man als Angebot zur Sensibilisierung von Eltern muslimischer Jugendlicher mit Radikalisierungspotenzial, berichtete Professorin Dr. Havva Engin von der PHHD zur Entstehungsgeschichte. Als sich dabei ein riesiger Bedarf an Informationen und Gespräch zum Thema zeigte, habe man begonnen, ein Netzwerk aufzubauen, so die Expertin für Migrationsforschung und Transkulturelle Pädagogik. Engin holte unter anderem Jugendämter, Polizei und Vereine als Partner ins Boot und etablierte schließlich mit der Professional School der PHHD ein dreimonatiges modulares Kontaktstudium mit Abschlusszertifikat.

Heute liegt der Fokus - phänomenübergreifend - auf allen politischen Strömungen. Teilnehmer:innen kommen dabei mit Expert:innen verschiedener Praxisfelder in Kontakt und analysieren reale (anonymisierte) Fälle von Radikalisierung, wie Antje Schröder-Schulz, Geschäftsführerin der Professional School beschrieb. Als Hochschul-Angebot sei das Format einzigartig und ziehe Fachkräfte aus ganz Deutschland an. „Das sind Einblicke in die Praxis, die man sonst nirgends bekommt.“

Zudem hätten Absolvent:innen hinterher Kontakte zu Beratungsstellen und Akteur:innen zum Thema, sagte Günther Bubenitschek vom Landesverband Weisser Ring, der das Kontaktstudium mit durchführt. „Das ist enorm wichtig, um sich in kritischen Fällen erstmal besprechen zu können, bevor man die Polizei einschaltet.“

Netzwerke gegen Extremismus

Die Fachtagung wurde gemeinsam mit den Vereinen Muslimische Akademie Heidelberg – Teilseiend; Mosaik Deutschland; Weisser Ring, SicherHeid sowie der Kommunalen Kriminalprävention Rhein-Neckar durchgeführt. Bürgermeisterin Stefanie Jansen würdigte die Weiterbildung in einem Grußwort und in einem weiteren Input-Vortrag sprach der Tübinger Kriminologe Prof. i.R. Dr. Hans-Jürgen Kerner über die Kriminalitätslage und Sicherheitsempfinden.

Im moderierten Expert:innen-Gespräch ging es zudem um gesellschaftliche Radikalisierungsprozesse, in Diskussionsforen um den Zusammenhang von Männlichkeitsbildern und Extremismus, Präventionsnetzwerke, rechtliche Fragen sowie Verschwörungsnarrative. Viel fachlicher Input, der gleichzeitig genügend Raum für das ließ, was im Umgang mit Extremismus wesentlich ist: Der Austausch und die Vernetzung der beteiligten Professionen und Institutionen.

Informationen zum Kontaktstudium „Extremismus und Radikalisierung“ unter

Text: Antje Karbe
Foto: Birgitta Hohenester

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