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"Schül:innen honorieren authentische Lehrkräfte"

Das Studium auch für die eigene Persönlichkeitsentwicklung zu nutzen, rät Prof. Karl-Heinz Dammer. Im Gespräch blickt er zurück auf seine Tätigkeit als Wissenschaftler und Prorektor der PHHD.

Prof. Dr. Karl-Heinz Dammer

Sie haben 18 Jahre an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg gelehrt, geforscht und mitgestaltet, unter anderem als Prorektor - was werden Sie im Ruhestand vermissen (und was nicht)?
Karl-Heinz Dammer: Ich gehe einerseits mit einem weinenden Auge. Es war für mich eine sehr erfüllte Zeit und auch eine persönliche Entwicklung. Vermissen werde ich das kollegiale Klima – es gab keine Streitigkeiten über die „richtige“ Wissenschaft, das ist nicht selbstverständlich. Auch die Lehre hat mir immer Spaß gemacht. Nicht vermissen werde ich andererseits die Pendelei über mehr als 300 Kilometer – in 18 Jahren habe ich knapp eine halbe Million Kilometer zurückgelegt. Auch lange Sitzungen und der zunehmende formale Aufwand in der Lehre werden mir nicht fehlen. Gerade liegen die letzten 80 Ausarbeitungen zu meiner Vorlesung auf dem Schreibtisch und dann ist es auch gut!

Sie waren in der Wissenschaft und im Schuldienst tätig. Wofür schlägt Ihr Herz stärker: Für die Arbeit im Klassenzimmer oder für die Lehrkräftebildung?
Das ist schwierig zu beantworten. In beiden Fällen hatte ich Freude am Lehren, Diskutieren und Zusammensein mit Menschen. Auch als Lehrer im Berufskolleg hatte ich mit jungen Erwachsenen zu tun – aber die Studierenden waren interessierter und die anspruchsvolle Arbeit an der Hochschule war reizvoller. Dafür hat mir dort der kontinuierliche Kontakt zu den Studierenden gefehlt. Während man eine Abiturklasse oft drei Jahre unterrichtet, kommt es an einer Hochschule kaum zu einer solchen personellen Kontinuität.

Im Rahmen der Studienordnungen vor 2015 kamen Studierende gelegentlich wiederholt in meine Kurse. Seitdem werden aber die Module nacheinander abgearbeitet und ich sehe die Studierenden meist nur einmal. Eine sinnvolle Innovation ist aber das Integrierte Semesterpraktikum . Hier betreut man Studierende 1:1 über ein Semester hinweg und kann die Fortschritte verfolgen. Das war in meiner Wahrnehmung der wirksamste Teil meiner Lehre hier.

Gibt es Menschen oder Schlüsselerlebnisse, die Sie auf Ihrer Laufbahn besonders geprägt haben?
Ein Schlüsselerlebnis war meine Zeit als Fremdsprachenassistent an französischen Schulen. Nachdem ich mein Lehramtsstudium für Französisch und Deutsch leider ohne jegliche Praxis absolviert hatte, konnte ich dort Praxiserfahrung sammeln und habe gemerkt, dass mir dieser Beruf liegt.

Die Begegnung mit dem Pädagogen Andreas Gruschka hat mich in die Erziehungswissenschaften gebracht. Er holte mich gegen Ende des Studiums in die Redaktion seiner Zeitschrift „Pädagogische Korrespondenz“, in der ich das wissenschaftliche Schreiben gelernt habe. Während und nach meiner Dissertation haben wir weiter in wissenschaftlichen Projekten an der Universität Essen zusammengearbeitet, wo ich auch Pädagogik als Unterrichtsfach nachstudierte. Später legte er mir eine Habilitation ans Herz, die ich neben Lehrerberuf und Elternzeit durchzog. Mit Andreas Gruschka bin ich bis heute verbunden, er war auch bei meiner Abschiedsvorlesung. Die Zeitschrift habe ich 2016 zusammen mit Kolleg:innen übernommen, als er sich zur Ruhe setzte.

Werden Sie diese Arbeit weiterführen?
Auf jeden Fall, das ist gewissermaßen meine intellektuelle Altersversorgung (lacht). Die Zeitschrift hat sich einen Ruf innerhalb der Wissenschaftscommunity erarbeitet, wir arbeiten an Heft 73.

Haben Sie weitere Pläne – wird es ein Ruhestand oder Unruhestand?
Im Moment arbeite ich noch Aufgaben ab. Aber irgendwann möchte ich nicht mehr auf Termine und Deadlines achten müssen. Die Zeitschrift existiert hoffentlich noch einige Jahre und ich bleibe außerdem in der „Gesellschaft für Bildung und Wissen“ aktiv, die versucht, eine Brücke zwischen Lehrerschaft und Wissenschaft zu schlagen. Wir haben noch viele Themen auf der Agenda.

Eines Ihrer Herzensanliegen war, Studierende zu mündigen Menschen auszubilden – wie erreichen wir als Hochschule dieses Ziel?
Man kann nicht zur Mündigkeit erziehen, nur den Weg dahin ebnen. Durch die Art und Weise, wie man mit jemandem umgeht, stößt man beispielsweise die kritische Urteilsbildung oder Selbstreflexion an. Die Studienstrukturen seit Bologna sind da wenig zuträglich, weswegen ich aus meiner Kritik daran nie einen Hehl gemacht habe. Statt Inhalte nach Interesse zusammenzustellen sind die Studierenden eher im „Erledigungsmodus“ und haken Module ab. Unsere fachliche Ausbildung ist jedoch gut und auch den fachübergreifenden Studienbereich der PHHD mit den Querschnittsthemen finde ich positiv.

An den Strukturen kann eine Hochschule wenig ändern. Aber sie kann dafür sorgen, dass eine transparente Kultur des Lehrens und Lernens entsteht, in der offen und hierarchiefrei diskutiert werden darf. Das ist der Mikrokosmos, in dem sich Mündigkeit bilden kann. Dafür habe ich mich eingesetzt und als Prorektor versucht, das auf eine institutionelle Ebene zu heben. Man muss aber immer wieder an die Lehr-Lernkultur erinnern, sonst versandet sie – das sehe ich bei Prorektor Christian Rietz in guten Händen.

Was macht eine gute Lehrkräftebildung für Sie aus?
Die Hochschule muss natürlich Tools liefern, damit Lehrkräfte in der Schule bestehen können. Darüber hinaus sollte sie aber auch vermitteln, warum bestimmte Themen unterrichtet werden – Gruschka hat es auf die Formel „Verstehen lehren“ gebracht. Um zudem zu verstehen, wie „der Laden Schule“ funktioniert und was es bedeutet, im Kontext einer Institution und ihres Soziotops zu unterrichten (psychologisch, institutionskritisch, politisch) braucht es die Theorie bzw. muss im Studium theoretisches Denken entwickelt werden.

Studierende sollten außerdem lernen, mit Scheitern und Ungewissheit umzugehen: Im Lehrberuf weiß man nicht, wie das, was man zu lehren beabsichtigt, bei den Schüler:innen ankommt. Außerdem ist es wichtig, dass Studierende die erzieherischen Aspekte des Berufs kennenlernen; das macht die PHHD sehr gut.

Wie viel Gestaltungsmöglichkeit hat man als Rektoratsmitglied und als gesamte Hochschule?
Was die Lehr-Lernkultur betrifft, so gab es hier für mich als Prorektor durchaus Gestaltungsspielräume. Ansonsten bestehen allerdings solche Ämter aus viel Verwaltungsarbeit, hier konnte ich aber mit der Stabsstelle Qualitätsmanagement auf ein hochkompetentes Team zurückgreifen. Letztlich sind die Entscheidungsbefugnisse der Prorektor:innen auf Landesebene begrenzt, das letzte Wort haben immer die Rektor:innenkonferenz und die Ministerien. Zum Glück waren sich unsere Gremien in der Regel einig.

Welchen persönlichen Rat würden Sie unseren Studierenden mitgeben?
Nutzen Sie das Studium als Zeit, sich auszuprobieren und zu entwickeln. Diese Freiheiten gibt es nie wieder und Persönlichkeitsentwicklung ist wichtig, um authentisch vor einer Klasse stehen zu können. Schüler:innen merken und honorieren das, selbst wenn sie einen nicht mögen. Und noch eins: Versuchen Sie das, was Ihnen in der Schule widerfährt, nicht persönlich zu nehmen.

Und was bzw. welchen bildungspolitischen Kurs wünschen Sie den Schulen? Sie haben ja einen kritischen Blick auf das „Hamsterrad“ der Reformen, das Lehrkräfte dauerhaft unter Druck setzt.
Mehr Zeit für das Kerngeschäft Unterricht, statt dauernd Dokumentationspflichten erfüllen zu müssen, die letztlich nur einer quantifizierten Steuerung durch die Schulaufsicht dienen. Ich wünsche den Schulen weniger Überfrachtung mit „Weltrettungsaufgaben“ – das kann man nicht alles adäquat in der Schule hinkriegen – und Unterricht statt Buzzword-Bingo. Letzteres ist ein konservativer Wunsch, denn natürlich sind manche Innovationen sinnvoll. Hier wünsche ich mir den kritischen Blick der Schulen wie auch unserer Studierenden: Sind Innovationen auch immer pädagogisch wertvoll? Kultusministerkonferenz und Länder lassen sich für meinen Geschmack im Bereich der Digitalisierung zu stark von privatwirtschaftlichen Playern statt von demokratisch legitimierten Institutionen beraten. Sieht man genauer hin, stecken oft weniger pädagogische Ambitionen dahinter als wirtschaftliche Interessen.

Was tun Sie, um gelegentlich den Kopf von all diesen Themen frei zu kriegen?
Lesen – neben meinem Schreibtisch stapeln sich viele Bücher mit Themen, auf die ich Lust habe. Und ich möchte regelmäßiger Sport treiben, Krafttraining und Rad fahren.

Zur Person
Prof. Dr. Karl-Heinz Dammer studierte Erziehungswissenschaft, Romanistik, Germanistik und Philosophie an den Universitäten Münster und Toulouse. Er promovierte in Romanistik über „Pressezeichnung und Öffentlichkeit in der Fünften Republik“ und war an Projekten zur „Integration beruflicher und allgemeiner Bildung“ tätig. Er war Lehrbeauftragter für Erziehungswissenschaft (Allgemeine Pädagogik) an der Universität Essen und zehn Jahre lang als Deutsch- und Französischlehrer am Gymnasium und Berufskolleg in NRW tätig. Seine Habilitation verfasste er über die Integrationsfunktion von Erziehung und Bildung und wurde 2008 auf die Professur für Allgemeine Pädagogik an der PH Heidelberg berufen. Dort war er Direktor des Instituts für Erziehungswissenschaft und Prorektor für Studium, Lehre und Internationalisierung (2022-2025).

Seine Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind die Philosophie und Theorien von Bildung und Erziehung, die pädagogische Anthropologie, pädagogisches Denken und Handeln im gesellschaftlichen Kontext, die Geschichte der Schule, kritische Erziehungswissenschaft und Bildungsreformen.

Gespräch: Antje Karbe
Foto: Birgitta Hohenester

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