Presse & Kommunikation

Inklusion

25.06.2018

Menschen, die als geistig behindert gelten, lehren erstmals an PH

Inklusion konsequent umsetzen, das ist das Ziel des innovativen Projekts "Inklusive Bildung Baden-Württemberg". Männer und Frauen, die als geistig behindert gelten, werden dazu qualifiziert, an Fach- und Hochschulen zu lehren und den Studierenden die Lebenswelt und Bedarfe von Menschen mit Behinderung direkt und persönlich zu vermitteln. Im Sommersemester 2018 halten die angehenden Bildungsfachkräfte ihre ersten Seminare an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg.

"Mit dem Projekt 'Inklusive Bildung Baden-Württemberg' werden - und das ist in Süddeutschland einmalig - Menschen, die als geistig behindert gelten, dazu befähigt, als Experten in eigener Sache an Hochschulen zu unterrichten", erklärt Projektleiter Stephan Friebe. Hierzu durchlaufen sie eine dreijährige Qualifizierung, die es ihnen bereits ab dem 2. Semester ermöglicht, selbst Seminare und Workshops anzubieten. Diese Lehrveranstaltungen halten die angehenden Bildungsfachkräfte unter anderem an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg. Diese erhofft sich durch die Kooperation und das gemeinsamen Lernen von Studierenden und Menschen mit geistiger Behinderung eine wechselseitige Bereicherung und eine Erweiterung der Perspektiven in der Lehre.

Dass das Konzept funktioniert, zeigt die Stiftung Drachensee, die das Projekt in Kiel/Schleswig-Holstein ins Leben gerufen hat. Seit 2013 klären dort Bildungsfachkräfte zukünftige Fach- und Führungskräfte in pädagogischen Berufen über ihre persönliche und gesellschaftliche Situation sowie die Potenziale der Inklusionsarbeit auf. Im Mai 2016 wurde das Modellprojekt mit dem Paul-und-Käthe-Kraemer Inklusionspreis ausgezeichnet; das mit der Auszeichnung verbundene Preisgeld wird unter anderem genutzt, das Projekt deutschlandweit zu etablieren.

Der erste Kooperationspartner außerhalb von Schleswig-Holstein ist die Fachschule für Sozialwesen der Johannes-Diakonie Mosbach. In Zusammenarbeit mit der Pädagogischen Hochschule Heidelberg und mit finanzieller Unterstützung durch die Dieter Schwarz Stiftung findet die Qualifizierung von sechs Frauen und Männer, die bislang in Werkstätten für behinderte Menschen beschäftigt waren, statt. Die Teilnehmenden beschäftigen sich anhand eines Modulhandbuchs unter anderem mit den Bereichen "Arbeit und Bildung", "Teilhabe" und "Methoden der Bildungsarbeit". Sie lernen zudem vor Gruppen zu sprechen bzw. auf Fachfragen zu antworten oder ein Lehrangebot zu konzipieren.
"Die Bildungsfachkräfte sind beeindruckende Persönlichkeiten, die schon in den ersten sechs Monaten der Qualifizierung eine tolle Entwicklung aufzeigen", berichtet Sarah Maier (Leiterin der Qualifizierung). Die Vorbereitung der Seminare erfordert laut Maier viel Durchhaltevermögen und Ausdauer: "Immer wieder werden die Abläufe geprobt. Trotzdem ist keiner dabei, der seinen Unmut darüber äußert, der keine Lust mehr hat. Sie sind jeden Tag motiviert und engagiert bei der Sache. Ich merke, dass sie immer besser werden (wollen)."

Wie gut die angehenden Bildungsfachkräfte bereits heute sind, zeigen sie seit dem Sommersemester 2018 an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg. "Unsere Studierenden erfahren zwar in den Lehrveranstaltungen viel über inklusive Teilhabe, in den direkten Kontakt mit Menschen mit Behinderungen kommen sie aber meist erst durch die obligatorischen Praktika oder sogar erst in der Arbeitswelt", so Professorin Dr. Karin Terfloth (Institut für Sonderpädagogik). "Die Studierenden sind dann häufig verunsichert und wissen nicht, wie sie reagieren sollen. Dass Menschen mit Behinderungserfahrung unseren Studierenden nun selbst aufzeigen, was Inklusion in der Praxis heißt, ist ein folgerichtiger Schritt hin zu einer Hochschule, deren Lehrangebot unterschiedliche Erfahrungen und Lernvoraussetzungen berücksichtigt." Die Behinderungserfahrung als wertvolle Expertise zu nutzen, darin liegt auch für Projektleiter Friebe die Stärke des Vorhabens: "Die Studierenden erleben im direkten Kontakt: Menschen mit Behinderungen leisten als Lehrende einen sehr wertvollen Beitrag. Und solche Erfahrungen braucht es, um zu einer überzeugten positiven Haltung zu Inklusion zu kommen."

Für die angehenden Bildungsexperten bietet sich durch das Projekt wiederum die Chance auf mehr Teilhabe und die Stärkung des eigenen Selbstbewusstseins. "Ich mache die Qualifizierung, weil ich mehr kann als Schrauben verpacken. Ich wollte schon immer Lehrer werden; mit der Qualifizierung komme ich diesem Traum ein großes Stückchen näher. Ich lerne zudem, welche Rechte ich als Mensch mit Behinderung habe und wie ich diese einfordern kann", erklärt zum Beispiel Thilo Krahnke. Und Anna Neff ergänzt: "Ich habe mich für die Qualifizierung beworben, weil ich etwas Neues machen wollte. Mir hat die Arbeit in der Werkstatt nicht mehr gereicht. Außerdem möchte ich meiner Tochter ein Vorbild sein und selbständig für uns beide sorgen können".

Um dies zu ermöglichen, soll sich für die Absolventinnen und Absolventen der Qualifikation auch neue berufliche Perspektiven eröffnen: "Unser Ziel ist es, den Bildungsfachkräften nach Abschluss der Qualifizierung sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze anzubieten", erklärt Friebe. Hierzu braucht es ein starkes Netzwerk mit Akteuren aus Politik, Wissenschaft, Bildung, Sozialhilfeträgern und Selbstvertretung. Erste Kontakte zum Beispiel ins Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg wurden bereits geknüpft und auch die Pädagogische Hochschule Heidelberg hat ihr Interesse signalisiert, die Bildungsfachkräfte langfristig und dauerhaft in ihre Lehre einzubinden.

Weitere Informationen finden Sie unter www.ph-heidelberg.de/bildungsfachkraefte.

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