Physik
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Tagungsprogramm

Das Tagungsthema „Nachhaltigkeit – Demokratie – Transformation“ gewinnt im Kontext des Anthropozäns eine besondere Relevanz für die Chemie- und Physikdidaktik. Klimakrise, Biodiversitätsverlust und Ressourcenübernutzung verweisen auf überschrittene oder bedrohte planetare Belastungsgrenzen und sind zugleich eng mit Fragen globaler Gerechtigkeit, Macht und Teilhabe verknüpft. Für den Chemie- und Physikunterricht bedeutet dies, dass fachliche Inhalte zu Klimawandel, Erdsystemdynamik, Stoffkreisläufen, Energieumwandlungen und technologischen Transformationsprozessen nicht nur sachgerecht, aktuell und evidenzbasiert aufbereitet werden müssen. Sie sind zugleich in komplexe sozio-wissenschaftliche Problemlagen einzubetten, in denen unterschiedliche Interessen, ungleiche Betroffenheiten und wissenschaftliche Unsicherheiten eine zentrale Rolle spielen.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie Lernumgebungen gestaltet werden können, in denen Schüler:innen naturwissenschaftliche Evidenz verstehen, diese kritisch in Konfliktfelder globaler Umwelt- und Ressourcengerechtigkeit einordnen und eigene, demokratisch verantwortete Handlungsoptionen reflektieren. Dies umfasst etwa Themen wie Energie- und Mobilitätswende, Landnutzung, Ernährungssysteme oder den Umgang mit Extremereignissen. Die Tagung bietet einen Rahmen, Ansätze zu entwickeln und zu diskutieren, wie Chemie- und Physikunterricht Lernende dabei unterstützt, die Komplexität von sogenannten „wicked problems“ zu begreifen, Ambiguitäten auszuhalten und begründet zu urteilen. Zugleich eröffnet sie die Möglichkeit, die Rolle von Chemie- und Physiklehrkräften als Gestaltende einer demokratie- und zukunftsfähigen MINT-Bildung im Anthropozän kritisch in den Blick zu nehmen.


Stefanie Rinaldi & Markus Wilhelm, Pädagogische Hochschule Luzern

Mit der Veröffentlichung des Brundtland-Berichts im Jahr 1987 entstanden vereinfachte Nachhaltigkeitsmodelle. Seit einigen Jahren rücken verstärkt fachwissenschaftlich fundierte Ansätze wie Doughnut-Ökonomie, Earth System Justice und Just Transition in den Fokus. Darauf aufbauend schlagen wir für eine Didaktik der Nachhaltigkeitswissenschaft die Metapher des «Apfelrings mit Biss» vor. Sie erfüllt eine doppelte Funktion: als Analyseinstrument für Lehrkräfte zur Einordnung von Bildungsinhalten sowie als Werkzeug für Schüler*innen zur kritischen Auseinandersetzung mit denselben. Durch die Integration der Schlüsselkonzepte Komplexität, Kontroversität und Kontingenz entsteht ein konkreter Orientierungsrahmen für die Gestaltung von Lehr-Lern-Prozessen und für die Klärung des Beitrags der Naturwissenschaften zur Nachhaltigkeitsbildung. Die Ausführungen basieren auf aktuellen Forschungsprojekten am UNESCO-Lehrstuhl der PH Luzern.

Dietmar Höttecke, Universität Hamburg

Die Klimakrise erzeugt erheblichen Transformationsdruck. Die Geschwindigkeit der Transformation ist angesichts der Warnungen der Klimaforschung aber nicht ausreichend – sozioökonomische und psychosoziale Faktoren stehen ihr entgegen. Bildungssysteme gelten dabei als mögliche soziale Kipppunkte, die Transformation beschleunigen können. Klimabildung ist eine Querschnittsaufgabe – daraus resultiert einerseits ein Auftrag zur Entwicklung angemessener fachlicher Curricula, andererseits die Notwendigkeit ihrer koordinierten Abstimmung im Sinne einer Climate Literacy, was bislang kaum geschieht. Relevanz und curriculare Implementierung des Klimathemas klaffen auseinander. Der Vortrag analysiert die Herausforderungen der Klimabildung und den aktuellen Stand. Daraus werden Leitplanken für gelingende Klimabildung in den Fächern und darüber hinaus abgeleitet.

Die Kunst des Bewertens: Von Biases, Lebensrealitäten und den ungenutzten Potenzialen
von socioscientific issues

Carola Garrecht, Pädagogische Hochschule Bern

Socioscientific issues (SSI) gelten seit vielen Jahren als wirkungsvolle Lerngelegenheiten zur Förderung von Bewertungskompetenz. Bislang werden sie jedoch vor allem im Sinne einer scientific literacy Vision II eingesetzt, die auf die Befähigung zur informierten Teilhabe an gesellschaftlichen Diskursen abzielt. Gleichzeitig bleiben die Chancen von SSI für eine Ausrichtung an einer scientific literacy Vision III zur Stärkung kritisch engagierter Bürger:innen weitgehend ungenutzt. Dies soll in der Keynote exemplarisch anhand zweier bislang nur begrenzt genutzter Potenziale von SSI diskutiert werden: (1) die Möglichkeit, kognitive Verzerrungen (Biases) in der Bearbeitung von SSI offenzulegen und zu reflektieren und (2) die Chance, unterschiedliche Lebensrealitäten, strukturelle Ungleichheiten und Machtasymmetrien bei der Auseinandersetzung mit SSI explizit in den Blick zu nehmen. Die Keynote skizziert erste Überlegungen, wie diese Potenziale genutzt werden könnten, um SSI als Lerngelegenheiten zur Förderung von Bewertungskompetenz auch im Sinne einer scientific literacy Vision III weiterzuentwickeln.

Mandy Singer-Brodowski, Universität Regensburg

Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) hat in den vergangenen Jahren einen zunehmenden Implementationstrend in Deutschland vollzogen. Gleichzeitig werden die gesellschaftlichen Kräfte, die sich gegen nachhaltigkeitsbezogene Transformationsprozesse wenden, lauter. Vor diesem Hintergrund werden in dem Vortrag die Chancen und Herausforderungen einer hochwertigen Realisierung von BNE im Unterricht thematisiert. In einem ersten Schritt werden die verschiedenen Bildungskonzepte Umweltbildung, Globales Lernen, Klimabildung und BNE historisch zueinander in Beziehung gesetzt. Es wird in einem zweiten Schritt der Implementierungsstand von BNE in der Schule allgemein und in der Lehrkräftebildung mit besonderem Fokus auf die Fachdidaktiken erörtert. In einem dritten Schritt werden aus einer erziehungswissenschaftlichen Perspektive aktuelle „hot topics“ für die hochwertige Realisierung von BNE im Unterricht aufgegriffen: der Umgang mit nachhaltigkeitsbezogenen Emotionen und die Grenzen von Kontroversität. Mit beiden Themen wird nicht zuletzt der Bogen zu Demokratiebildung geschlagen.