Professionalisierung von Fachkräften: Das Forschungsprojekt „NAWIM“ will die Wirksamkeit von Fortbildungen messbar machen.
Unsere Gesellschaft verändert sich rasant. Um mit Herausforderungen wie der Digitalisierung oder dem Klimawandel umzugehen, gelten Kompetenzen in den MINT-Fächern - Mathe, Informatik, Naturwissenschaften und Technik – als zentral. Je früher Kinder Zugang zu MINT-Themen haben, desto besser sind später ihre Chancen auf Teilhabe an einer technisierten Gesellschaft, unabhängig von der sozialen Herkunft. Dafür brauche es wiederum gut ausgebildete pädagogische Fachkräfte in Kitas und Grundschulen, sagt Prof. Dr. Markus Rehm, Professor für Didaktik der Naturwissenschaften an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg (PHHD). „Diese bringen ganz unterschiedliche Erfahrungen und Einstellungen zur MINT-Bildung mit. Und auch entsprechende Fortbildungsformate sind sehr unterschiedlich ausgestaltet.“
In einem neuen Forschungsvorhaben will er nun gemeinsam mit dem Klaus-Tschira-Kompetenzzentrum für frühe naturwissenschaftliche Bildung und Partnern in Tübingen und Greifswald die Wirkungsmessung von Fortbildungen zur frühen naturwissenschaftlichen Bildung grundlegend neu denken. Bisher seien punktuell einzelne Formate getestet worden, sagt Rehm. „Wir wollen hier einen Paradigmenwechsel herbeiführen.“ Statt Fortbildungen als isolierte Ereignisse zu behandeln, soll es dann ein umfassendes Verständnis für die MINT-Professionalisierung von Fachkräften geben.
Zwei Bildungsformate unter der Lupe
Am Beispiel und gemeinsam mit der Heidelberger Forscherstation, Klaus-Tschira-Kompetenzzentrum für frühe naturwissenschaftliche Bildung gGmbH, wird NAWIM ein „Wirkungsmesssystem“ entwickeln. Die aus einem PHHD-Projekt ausgegründete Forscherstation bietet mittlerweile als „Klaus-Tschira-Kompetenzzentrum für frühe naturwissenschaftliche Bildung“ seit fast 20 Jahren Fortbildungen für Fachkräfte in Kitas und Grundschulen an. Teilnehmende sollen im Forschungsprojekt NAWIM nun über mehrere Angebote hinweg begleitet, ihre Fortschritte erfasst und ihr Feedback eingeholt werden. Zudem ist eine detaillierte Nutzungsanalyse der Angebote geplant. „Mit diesem System können wir erstmals die nachhaltige Wirksamkeit eines gesamten Anbieters erfassen und gezielt weiterentwickeln“, sagt Dr. Miriam Brandtner, die in der Forscherstation den Bereich „Forschung“ leitet.
Gleichzeitig will das Forschungsteam diese Herangehensweise auf das Format „Jugend präsentiert“ übertragen. Die Kompetenzstelle der Universität Tübingen schult Schüler:innen dafür, naturwissenschaftliche und technische Inhalte verständlich und adressat:innengerecht zu präsentieren und bildet Lehrkräfte im Bereich der MINT-Kommunikation weiter. Die Übertragung auf ein zweites Bildungsprogramm soll zeigen, inwieweit die entwickelten Modelle, Instrumente und Erkenntnisse anschlussfähig für andere (Fort-)Bildungsanbieter sind. Am Ende soll ein Verfahren stehen, das für verschiedene Fachbereiche und Bildungskontexte angepasst werden kann. „Auf Basis unserer Daten sind Anbieter dann in der Lage, ihr Portfolio weiterzuentwickeln.“
Professionelle Fachkräfte für mehr Chancengerechtigkeit
Zur Qualität einzelner Professionalisierungsangebote liegen bereits empirische Befunde vor. So weiß man unter anderem, dass Fortbildungen sehr individuell erlebt werden. Gleichzeitig hängt ihr Wirkung von verschiedenen Faktoren ab, wie beispielsweise dem Engagement der Teilnehmenden oder der Kombination von Lernformaten und Unterstützungsangeboten. Wie sich professionelles Handeln und die Kompetenzen der Teilnehmenden entwickeln, wird häufig erst über einen längeren Zeitraum hinweg sichtbar.
„Einzelne Studien können diese komplexen Wirkzusammenhänge nicht erfassen und erlauben keine Aussagen, wie das Gelernte langfristig wirkt“, sagt Prof. Dr. Hendrik Lohse-Bossenz von der Universität Greifswald. „Unser Ziel ist eine innovative Form der Wirkungsmessung und eine Qualitätsverbesserung im Fortbildungsbereich.“
Das höhere Ziel bleibt dabei die Chancengerechtigkeit für Kinder: Trotz zahlreicher Initiativen gebe es immer noch deutliche Ungleichheiten beim Zugang zu MINT-Bildungswegen, so Rehm. Dies könne vom sozialen Hintergrund abhängen oder auch vom Geschlecht - bereits ab der Grundschule lasse sich bei Jungen ein größeres Interesse an MINT-Themen nachweisen als bei Mädchen. Umso wichtiger sei es, Fachkräfte für die frühkindliche MINT-Bildung zu professionalisieren. Fortbildungsangebote müssten sich den individuellen Lernprozessen der Teilnehmenden anpassen. „Nur so stärken wir die Qualität naturwissenschaftlicher Bildung und ermöglichen langfristig allen Kindern einen gleichwertigen Zugang zu Bildungsgelegenheiten.“
Das Projekt
NAWIM: „Nachhaltige Wirkungsanalyse von (Fort-)Bildungsanbietern im MINT-Bereich – ein evidenzbasiertes Wirkungsmesssystem“ ist ein dreijähriges Forschungsprojekt, das von der Klaus Tschira Stiftung gefördert wird. Beteiligt sind das Institut für naturwissenschaftliche und technische Bildung der PHHD (Ann-Katrin Böhm, Julia Speidel, Prof. Dr. Markus Rehm), die Forscherstation, Klaus-Tschira-Kompetenzzentrum für frühe naturwissenschaftliche Bildung gGmbH (Dr. Kim Erdmann, Dr. Miriam Brandtner, Dr. Anna Hartenstein), die Forschungsstelle Präsentationskompetenz – Jugend präsentiert an der Universität Tübingen (Dr. Carmen Lipphardt) und der Lehrstuhl für Allgemeine Grundschulpädagogik der Universität Greifswald (Prof. Dr. Hendrik Lohse-Bossenz).
Text: Antje Karbe
Foto: Forscherstation / Annette Mück