Taubblindheit wird häufig nicht richtig diagnostiziert: Sonderpädagogin Andrea Wanka entwickelt ein Einschätzungsverfahren, das die Versorgungslücke schließt und frühzeitig Förderung ermöglicht.
Wie sich die Welt wohl anfühlt, wenn wir sie weder sehen noch hören können? Menschen mit Taubblindheit müssen sich ohne diese beiden wichtigen Sinne orientieren – etwa 10.000 leben in Deutschland mit dieser Art Beeinträchtigung, wird geschätzt. Genaue Zahlen zu Taubblindheit gibt es nicht, bislang existieren nicht einmal einheitliche Diagnoseverfahren, um die komplexe Beeinträchtigung festzustellen.
„Taubblindheit bedeutet nicht nur eingeschränkten Zugang zu Sehen und Hören. Sie verändert grundlegend, wie Menschen ihre Umwelt wahrnehmen, Bedeutungen bilden und sich mitteilen“, sagt Professorin Dr. Andrea Wanka von der Pädagogischen Hochschule Heidelberg (PHHD). Die Sonderpädagogin wurde 2018 Deutschlands erste Professorin für Taubblinden-/Hörsehbehindertenpädagogik und hat das Erweiterungsstudienfach für die Hochschule aufgebaut – ein bislang einzigartiges Angebot in Deutschland.
Sie bildet angehende Sonderpädagog:innen für die Arbeit mit betroffenen Menschen aus, forscht und berät auch Familien und Einrichtungen. Dabei stellt sie immer wieder fest, dass oft nicht erkannt wird, wenn taubblindheitsspezifische Unterstützung nötig ist. Ohne Diagnose gibt es wiederum keine passgenaue Beratung und Begleitung – und dies bei Menschen, die ohnehin oft isoliert leben und wenig wahrgenommen werden. In Folge blieben Entwicklungschancen und Bildungspotenziale unerkannt, sagt die Wissenschaftlerin.
Ein anderer Zugang zur Welt
Mit einem neuen Forschungsprojekt wollen Andrea Wanka, Amadea Hofstötter und ihre Kooperationspartner:innen nun die diagnostische Situation nachhaltig verbessern. „SinnVoll lernen“ wird von der Doris Leibinger Stiftung und der Stiftung taubblind unterstützt und hat sich vorgenommen eine „zentrale Versorgungslücke“ zu schließen. Das dreijährige Vorhaben baut auf langjährigen Vorarbeiten zum Screening von Hörsehbeeinträchtigungen und zur Kommunikation mit Betroffenen auf.
Denn Menschen mit Taubblindheit haben andere mentale Vorstellungen von der Welt und andere Kommunikationsformen, wie die Wissenschaftlerin erklärt. Sie verständigen sich oft über den Tastsinn, beispielsweise durch ganzkörperliche Gesten oder im konventionellen Bereich das Buchstabieren in die Handfläche (Lormen) oder taktile Gebärdensprachen, also das Fühlen von Gebärden.
Für ihre Umwelt sind sie schwerer „zu lesen“, schnell können Bedürfnisse und Kompetenzen missverstanden werden. Auch viele klassische Tests aus der Diagnose-Praxis funktionieren nicht, weil sie visuelle oder auditive Zugänge voraussetzen. Betroffene Kinder und Erwachsene wurden deshalb beispielsweise oft diagnostisch dem Autismus-Spektrum zugeordnet, obwohl ihr Thema der eingeschränkte Zugang zu Sinnesinformationen ist.
Ein Netzwerk für Diagnostik und Förderung
Ein Ziel des neuen Projekts ist deshalb ein standardisiertes Screeningverfahren für Taubblindheit / Hörsehbehinderung, das flächendeckend in Deutschland eingesetzt werden kann. Dafür entwickelt das PHHD-Team ein Screeningtool weiter, das es im Forschungsprojekt IKI-TAU (Identifizierung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit Taubblindheit/Hörsehbehinderung) etablierte. Einrichtungen bundesweit sollen mit „IKI-Tau-Koffern“ ausgestattet und Fachkräfte geschult werden.
Mit den standardisierten Testmaterialien könnten Expert:innen künftig frühzeitig Taubblindheit erkennen und dokumentieren. Um Forschung und Praxis gut zu verzahnen, kooperiert das Team eng mit spezialisierten Einrichtungen und der „Arbeitsgemeinschaft der Einrichtungen und Dienste für Menschen mit Taubblindheit/Hörsehbehinderung“ (AGTB). Langfristig könnte ein bundesweites Netzwerk spezialisierter Diagnostikzentren für Menschen mit Taubblindheit entstehen, so die Vision.
Ein verbessertes Screening und eine bessere Diagnostik werden auch fundierte Zahlen zu den betroffenen Menschen liefern, denn noch geht Wanka hier von einer großen Dunkelziffer aus. Familien wie Fachkräfte könnten so besser beraten und begleitet werden. Zudem werde es so einfacher, gesellschaftlich und politisch dafür zu sensibilisieren, was für Folgen unerkannte Sinnesbeeinträchtigungen hätten, sagt Andrea Wanka.
Als weitere Projektziele stellt sie sich die Entwicklung von praxisnahen Leitlinien für Screening, Diagnostik und Förderung vor, die Anerkennung von TB/HS als eigenen sonderpädagogischen Förderschwerpunkt und auch die Stärkung von Forschung und Lehre in diesem Bereich. Letztlich geht es aber immer wieder um Bildungsgerechtigkeit: Kinder und Jugendliche mit Taubblindheit sollen eine echte Chance bekommen, sich zu entwickeln und ihre Potenziale zu entfalten. „Denn jedes Kind und somit auch diese Kinder haben ein Grundrecht auf Teilhabe, an Bildung wie auch an unserer Gesellschaft.“
Weitere Informationen unter
Das Projekt
„SinnVoll lernen – Bildungschancen von Kindern und Jugendlichen mit Taubblindheit / Hörsehbehinderung verbessern“ ist im Januar 2026 als dreijähriges Projekt gestartet. Es wird von der Doris Leibinger Stiftung und der Stiftung taubblind gefördert. Die Pädagogische Hochschule Heidelberg (Prof. Dr. Andrea Wanka) kooperiert hier mit dem Oberlinhaus Potsdam, der Deutschen Blindenstudienansttalt e.V. (BLISTA) in Marburg, der Stiftung St. Franziskus in Heiligenbronn, der Bezirksregierung Köln und weiteren Partner:innen.
Text: Antje Karbe
Foto: Birgitta Hohenester