Fach Geschichte
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Dr. Eugen Isaak Neter

Dr. Eugen Neter wurde als Person für dieses Porträt zum einen aufgrund seines beachtlichen Einsatzes als Kinderarzt und Lehrer ausgewählt, welches Parallelen zum Arbeitsfeld der Studierenden, Lehrenden und Mitarbeitenden der Pädagogischen Hochschule Heidelbergs aufweist. Zum anderen zeigen Dr. Eugen Neters Bemühungen für die jüdische Gemeinde Mannheims, dass er trotz der schweren Umstände und der Verfolgung durch die Nationalsozialisten handlungsfähig blieb und nicht aufhörte, sich für andere einzusetzen. Sein engagiertes, mutiges und zivilcouragiertes Handeln ist beeindruckend sowie berührend zugleich und stellt auch für gegenwärtiges Handeln eine positive Orientierung dar.

Dieses Porträt wurde erarbeitet von:

Rosa Seitz

Nachname: Neter
Vorname: Eugen Isaak
Geburtsort: Gernsbach
Geburtsdatum:26.10.1876

Lebenslauf
geb. 29.10.1876 in Gernsbach

  • 1894: Medizinstudium in München und Heidelberg
  • 1903: Niederlassung als Kinderarzt in Mannheim
  • um 1900: Mitbegründung des „Fröbel-Seminars“ in Mannheim
  • 1914-1918: Einsatz als Stabsarzt im 1. Weltkrieg
  • 1938: Vorsitz der jüdischen Gemeinde in Mannheim
  • 1940: Deportation nach Gurs
  • 1945: Auswanderung nach Palästina
  • gest. 8.10.1966 in Degania, Israel

Foto von Dr. Eugen Neter
Dr. Eugen Neter (1956)

Ein engagierter Mannheimer Kinderarzt, beliebter Lehrer und „Anwalt des Kindes“ (Watzinger 1984, S.131) setzt sich gegen die antisemitische Hetze ein und tritt freiwillig der Deportation nach Gurs bei.

Eugen Isaak Neter wurde am 29.10.1876 in Gernsbach, zugehörig zum Landkreis Rastatt, geboren. Zu seiner Familie, die jüdischer Abstammung war, gehörten sein Vater Eli Neter und seine Mutter Augusta Neter (geb. Sinauer) sowie insgesamt elf Geschwister.

Neter absolvierte sein Abitur am Gymnasium in Rastatt und begann 1894 ein Medizinstudium in München, welches er in Heidelberg fortsetzte. 1899 legte er die medizinische Staatsprüfung ab und promovierte 1900 an der medizinischen Fakultät. Nach seiner Zeit als Assistenzarzt in einem Berliner Krankenhaus, ließ er sich in Mannheim nieder und gründete eine Kinderarztpraxis in Q1, welche in 1931 nach S2 verlegt wurde.

Sein Anliegen als Kinderarzt war es, sich für die Rechte des Kleinkindes einzusetzen. Das  Engagement Dr. Eugen Neters wird durch seine zahlreichen schriftstellerischen Arbeiten verdeutlicht. Wie sehr der Kinderarzt geschätzt wurde, zeigt die Beschreibung Neters durch eine ehemalige Patientin als „geliebte[n] Onkel Doktor“ (Watzinger 1984, S. 131), der eine sonnige Wärme ausstrahlte und mit ehrfürchtigem Vertrauen von seinen Patienten*innen geliebt wurde.

Seine Arbeit und Erfahrung als empathischer Kinderarzt befähigte ihn zur Mitbegründung eines „Kindergärtnerinnenseminars“, welches 1920 zum städtischen „Fröbel-Seminar“ wurde. Das bis heute bestehende Mannheimer Fröbel-Seminar widmete sich der Ausbildung von Frauen zu Erzieherinnen und trug somit maßgeblich zur Professionalisierung des Erzieher*innen-Berufs und zur beruflichen Unabhängigkeit vieler Frauen bei. Dr. Eugen Neter unterrichtete die angehenden Pädagoginnen im Fach „Gesundheitspflege“. Eine Schülerin beschreibt ihn mit den Worten: „Aber schon in der ersten Stunde bemerkten wir, daß uns hier oben am Lehrpult ein Arzt gegenüberstand, der uns weit mehr zu vermitteln hatte als das, was der Lehrstoff besagte. [...] Er sah in uns die Partner seiner Aufgabe. Ohne die Mütter, ohne die Erzieherinnen und Pflegerinnen konnte er seine ärztliche Aufgabe nicht lösen. Hier entdeckten wir etwas vom Anwalt des Kindes, der unsere Augen und Sinne schärfen wollte für das leibliche und seelische Wohl des Kindes“ (Watzinger 1984, S.131). Dr. Eugen Neter sah in der Ausübung seiner Tätigkeiten also nicht nur einen Beruf, sondern ging sowohl als Kinderarzt als auch als Lehrender seiner Berufung nach, sich für die Kinder, die selbst zumeist keine deutliche Stimme haben, einzusetzen. Seine bemerkenswerte interdisziplinäre Sichtweise auf die Pflege und Erziehung des Kindes zeigt, dass er sich nicht auf seine medizinische Perspektive beschränkte, sondern allumfassend und leidenschaftlich das Kind mit sämtlichen Akteur*innen in den Blick nahm.

Im Jahr 1909 heiratete Dr. Eugen Neter Luise Janson, welche nicht-jüdischer Herkunft war, und wurde wenige Jahre später im Ersten Weltkrieg als Stabsarzt eingesetzt.

Ein Teil der antisemitischen Propaganda war es, als „Drückeberger“ im Krieg zu verleumden. Zur Abwehr dieser Vorwürfe entstand der „Reichsbund jüdischer Frontsoldaten“, dessen Ortsgruppe in Mannheim am 8. Juni 1920 gegründet wurde. Dr. Eugen Neter, der sich ebenso diesen Verleumdungen ausgesetzt sah, trat für seine und die Rechte anderer jüdischer Soldaten ein, indem er den Vorsitz des Mannheimer „Reichsbunds jüdischer Frontsoldaten“ übernahm. Als deutscher Kinderarzt jüdischer Herkunft, welcher sich leidenschaftlich für die Kleinen des Landes einsetzte und an der Front im Ersten Weltkrieg seinem Vaterland diente, trafen diese Diffamien Dr. Eugen Neter sicherlich schwer.

Vor den Reichstagswahlen 1924 lebte die antisemitische Hetze weiter auf. Als Reaktion darauf erließ der Mannheimer Reichsbund jüdischer Frontsoldaten einen Aufruf, der mit folgenden Worten in Zeitungen veröffentlicht wurde: „Wir jüdischen Frontsoldaten aber, die wir im Kampfe um die deutsche Heimat mutig dem Tod ins Auge geschaut, stehen allen rohen Haßausbrüchen zum Trotze in nie wankender Treue zum deutschen Vaterland und seinem Schicksal.“ (Watzinger 1984. S. 48) Dieser Einsatz des Reichsbundes der jüdischen Frontsoldaten unter dem Vorsitz von Dr. Eugen Neter verdeutlicht eindrücklich die Verbundenheit Neters mit dem deutschen Vaterland, den Sinn für Gerechtigkeit des jüdischen Kinderarztes und seine Hingabe, für diese einzutreten.

Trotzdem blieb Dr. Eugen Neter von der Verfolgung der jüdischen Bevölkerung durch die Nationalsozialisten nicht verschont. So kann sicherlich davon ausgegangen werden, dass spätestens seit dem Boykottaufruf am 1. April 1933 auch Dr. Eugen Neters Kinderarztpraxis vermieden wurde, da viele Eltern ihre Kinder lieber von einem „arischen“ Arzt behandeln ließen.

So wie Dr. Eugen Neter konnten zahlreiche jüdische Bürger*innen ihren Berufen nicht mehr nachgehen, weshalb die jüdische Gemeinde Mannheims verschiedene Einrichtungen schuf, um Hilfe zu leisten. Darunter fällt auch die Akademikerhilfe, die Ärzt*innen, Rechtsanwält*innen, Justizbeamt*innen, Lehrerenden und Künstler*innen helfen sollte und dessen Leitung Dr. Eugen Neter übernahm.

Am 9. bzw. 10. November 1938 wurden innerhalb der Novemberpogrome auch in Mannheim die Synagogen zerstört sowie alle Männer zwischen 18 und 60 Jahren verhaftet. Einige davon wurden bereits zu diesem Zeitpunkt in Konzentrationslager verschleppt. Zu den Verhafteten zählte auch Dr. Eugen Neter. Dieser übernahm nach seiner Freilassung im November 1938 die Leitung der jüdischen Gemeinde. Als Leiter der jüdischen Gemeinde Mannheims bemühte sich Dr. Eugen Neter insbesondere um Lehrwerkstätten, um der Jugend für die Auswanderung eine handwerkliche Grundlage zu schaffen. Zu diesem Zeitpunkt war der jüdischen Gemeinde Mannheims, so auch Dr. Eugen Neter, klar gewesen, welche Ausmaße die NS-Verfolgung haben würde, da der Ausschluss aus sämtlichen wirtschaftlichen Zweigen der Gesellschaft den jüdischen Bürger*innen Mannheims die Lebensgrundlage entzog. Es erscheint mehr als beachtlich, dass sich die jüdische Gemeinde Mannheims trotz und gleichzeitig wegen der jahrelangen Verfolgung lebensfähige Einrichtungen geschaffen hatte.

Die jüdische Gemeinde Mannheims, die zu diesem Zeitpunkt noch über 2000 Mitglieder hatte, traf die Deportation der badischen und saarpfälzischen Juden am 22. Oktober 1940 völlig unerwartet. Die jüdischen Bürger*innen Mannheims wurden aus ihren Wohnungen und sogar aus dem Krankenhaus zur Deportation abgeholt. Dr. Eugen Neter, der in einer Mischehe lebte, wäre aufgrund dieser von der Deportation eigentlich verschont gewesen, trat den Transporten allerdings freiwillig bei, wie der Arzt Kurt Weigert berichtet: „Dr. Neter, Vorstand der Kultusgemeinde, war freiwillig mitgegangen“ (Watzinger 1984. S. 74). Im Lager Gurs stand er seiner jüdischen Gemeinde weiterhin bei, indem er unter primitivsten Bedingungen versuchte, eine medizinische Versorgung zu gewährleisten. Für die meisten seiner Mitinhaftierten war das Lager Gurs die Vorstation in eines der Vernichtungslager und somit in den Tod.

1943 wurde der damals 66-Jährige Dr. Eugen Neter in das Lager Sereilhac bei Limoges verlegt, entging so einer Deportation in die Vernichtungslager und überlebte das Lager Gurs. Danach wanderte er zusammen mit seiner Frau 1945 nach Palästina aus. Nach dem Ableben seiner Frau und dem Soldatentod seines Sohnes verbrachte er einen ruhigen Lebensabend im Kibbuz Degania über dem See Genezareth. Dort widmete er sich der Hühnerzucht und schlief am 8.10.1966 mit fast 90 Jahren friedlich ein.

Heute erinnert der Stolperstein vor dem Mannheimer Fröbel-Seminar, eine Gedenktafel am ehemaligen Standort von Neters Kinderarztpraxis (in Q1, 9) sowie die Eugen-Neter-Schule im Stadtteil Blumenau an das vielfältige Wirken Dr. Eugen Neters.

Literatur und Internetangaben:

Hoffend, Andrea: Neter, Eugen Isaak. Kinderarzt, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde in Mannheim, Verfolgter des NS-Regimes, in: Sepaintner, Fred-Ludwig (Hg.): Baden-Württembergische Biographien, Bd. 4, Stuttgart 2007, S. 245-248.

Leo-bw.de: „Neter, Eugen Isaak“, unter: (zuletzt abgerufen am 20.11.2020).

Marchivum.de: „Dr. Eugen Neter“, unter (überprüft am 23.07.2025).

Watzinger, Karl Otto: Geschichte der Juden in Mannheim 1650-1945. Stuttgart 1984. S. 35-48, 70-92, 131-132.

Weckbecker, Arno: Die Judenverfolgung in Heidelberg 1933-1945, Heidelberg 1985. S. 35-42.

Bildnachweis:

MARCHIVUM, Bildsammlung: „Dr. Eugen Neter (1956)“