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Wie kann Lehre an Hochschulen digital barrierefrei werden? Die Plattform des Forschungsprojekts Shuffle bietet dazu Informationen und Tools an.
Gabriel ist darauf angewiesen, das Skript einer Vorlesung frühzeitig zu erhalten. So kann er die Unterlagen während der Stunde auf seinem Laptop mit angepasster Schriftgröße verfolgen und verpasst keine Details - obwohl sein Gesichtsfeld durch einen Grünen Star stark verengt ist. Auch Hannah nutzt lieber Skripte, um Vorlesungen folgen zu können. Zusätzlich hilft ihr ein guter Blick auf das Mundbild der Dozent:innen enorm – sie lebt seit ihrer Geburt mit einer Hörbeeinträchtigung.
Gabriel und Hannah sind fiktive Personen, stehen aber für Menschen, die ihr Studium unter erschwerten Bedingungen absolvieren. Rund 16 Prozent aller Studierenden bringen Beeinträchtigungen mit, ergab die Studierendenbefragung des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung im Jahr 2021 – die Hochschulen selbst dürfen dazu keine Daten erheben. Die größte Gruppe (65 Prozent) ist laut Erhebung von psychischen Erkrankungen betroffen. Aber auch chronische Erkrankungen, Beeinträchtigungen des Sehens, Hörens oder der Motorik, Neurodivergenz und „Teilleistungsstörungen“ wie ADHS fordern im Studien-Alltag heraus.
Forschungsprojekt befragte 700 Studierende
Wie Lehrende dies besser im Blick behalten können, war die vergangenen Jahre Thema des Forschungsverbunds „Shuffle“ (Projekt Hochschulinitiative digitale Barrierefreiheit für Alle). Wie lässt sich digitale Barrierefreiheit an Hochschulen systematisch verbessern? Damit haben sich Forschende der Pädagogischen Hochschulen Heidelberg und Freiburg, der Universität Bielefeld und der Hochschule der Medien Stuttgart befasst.
Gefördert durch die Stiftung „Innovation in der Hochschullehre“ befragten sie rund 200 Lehrende und 700 Studierende, um den Bedarf zu erheben. In Teilprojekten entwickelte das Team dann Handlungsempfehlungen und Tools, mit denen sich eine Teilhabe aller Studierenden ohne großen Aufwand verbessern lässt. „Genau dies ist die große Befürchtung: Dass barrierefreie Lehre nur zusätzliche Arbeit macht“, sagt Dr. Barbara Bogner, Sonderpädagogin im Schwerpunkt Hören und Kommunikation und Beauftragte für Studierende mit Behinderung an der PHHD. So hätten nur rund sieben Prozent der befragten Lehrenden angegeben, ausreichend über digitale Barrierefreiheit Bescheid zu wissen.
Bogner war treibende Kraft für die Beteiligung der PHHD am Projekt. Aus Projektmitteln konnten hier zwei Mitarbeiterinnen finanziert werden. Mit der Projektleitung des Teams Heidelberg durch Prof. Dr Johannes Hennies (Schwerpunkt Hören und Kommunikation), Prof. Dr. Markus Lang und den akademischen Mitarbeiter und stellvertretenden Behindertenbeauftragten Frank Laemers (beide Schwerpunkt Pädagogik bei Blindheit und Sehbeeinträchtigung) konnte die Hochschule ihre sonderpädagogische Kompetenz einbringen. „Unsere didaktisch-pädagogische Expertise war ein wichtiges Puzzleteil für Shuffle“, sagt Markus Lang.
Wie studiert es sich mit Sehbeeinträchtigung?
Unter anderem beteiligte sich das Team der PHHD am Teilprojekt „BlindDate“, in dem Gabriel, Hannah und weitere Personas entstanden, die stellvertretend für Studierende mit Beeinträchtigungen stehen. Die Charaktere schildern auf der
„Wir wollen Lehrende für die besonderen Bedarfe sensibilisieren und zeigen, was sie für mehr Teilhabe tun können“, erklärt Frank Laemers. Die Personas wurden basierend auf Fragebogenerhebung und qualitativen Interviews und gemeinsam mit Betroffenen entwickelt, die auch selbst einzelne Videos einsprachen. „Sie sollten realistisch sein und nicht bestehende Stereotype verstärken“, sagt Lang. „Gleichzeitig war uns wichtig, dass sie partizipativ entstehen.“
Auf der Shuffle-Projektseite finden Lehrende noch mehr Anleitungen, beispielsweise zur barrierefreien Gestaltung von Veranstaltungen, Moodle-Kursen oder E-Prüfungen. Mit dem eigens entwickelten Tool „
Mit Melvin können in einem einzigen Arbeitsablauf eigene Vorträge aufgezeichnet, untertitelt und mit einer KI-Übersetzung ergänzt werden. Auch für Nutzer:innen ist das Tool flexibel einsetzbar, denn man wählt selbst, ob Untertitel, Transkript oder andere Einstellungen angezeigt werden sollen. Das mache Sinn, denn nicht alles technisch Mögliche sei auch immer didaktisch sinnvoll, erklärt Bogner. „Das Geniale an Melvin ist zudem, dass es webbasiert funktioniert und allen kostenlos zur Verfügung steht.“
In jeder Vorlesung sitzen betroffene Studierende
Im Shuffle-„Reifegradmodell“ können Hochschulen zudem eine grundsätzliche Analyse zum Stand ihrer (digitalen) Barrierefreiheit durchführen. Wichtig ist nun, dass die Angebote der Plattform auch bei Lehrenden ankommen. Shuffle wird derzeit an deutschen Hochschulen, auf Tagungen und an einzelnen Schulen beworben, unter anderem können kostenlose Poster und Postkarten der Personas weiterverteilt werden.
Mindestens einen Aha-Effekt erhoffen sich die Forschenden von ihrem Projekt: „Die Erkenntnis, dass der Umgang mit Beeinträchtigungen jeden etwas angeht“, sagt Laemers. Denn vermutlich sitzen in fast jeder Vorlesung betroffene Studierende. Auch wenn dies nicht immer sichtbar wird, wie beispielsweise bei chronischen oder psychischen Erkrankungen.
Oft genügen schon kleine Schritte, um alle Studierenden mitzunehmen, wie das Hochladen von Lernmaterial vorab, der Blick auf eine gute Tonqualität und ausreichend Pausen. Shuffle gibt dafür Hilfestellung, die Umsetzung liegt nun beim Einzelnen, wie Markus Lang sagt. „Aber wer sich die Plattform genauer anschaut, wird sehen: Barrierefreiheit ist kein Hexenwerk.“
Das Projekt
Das Projekt „Hochschulinitiative digitale Barrierefreiheit für Alle (Shuffle)“ wurde von August 2021 bis Dezember 2025 von der Stiftung Innovation in der Hochschullehre gefördert. Beteiligte waren die Pädagogische Hochschule Heidelberg, die Pädagogische Hochschule Freiburg, die Universität Bielefeld und die Hochschule der Medien Stuttgart. Alle Informationen unter
Text: Antje Karbe
Illustration: SHUFFLE Projektteam / Zeichnungen Patricia Piskorek, Kira Frankenfeld, Niklas Egger