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Soziale Herkunft noch stärker in den Blick nehmen

Prof. Dr. Carsten Rohlfs zur PISA-Studie: Mehr Fokus auf soziale Gerechtigkeit, individuelle Förderung und anwendungsbezogenes Lernen

 

Das deutsche Bildungssystem ist sozial ungerecht. Wie die aktuelle PISA-Studie zeigt, hängt Erfolg in Deutschland weiterhin sehr von der sozialen Herkunft ab – wie schon zu Beginn der PISA-Erhebungen vor 26 Jahren. Dass sich daran kaum etwas geändert hat, ist für Prof. Dr. Carsten Rohlfs von der Pädagogischen Hochschule Heidelberg ein dramatischer Befund: „Genau hier müssen Bildungsreformen verstärkt ansetzen“, sagt der Professor für Schulpädagogik und Bildungsforschung, der in seiner Forschung unter anderem Datensätze der internationalen PISA-Vergleichsstudien auswertet.

Die am 8. September veröffentlichte Studie „Pisa 2025“ zeigt, dass 15-Jährige an deutschen Schulen häufig nicht die erforderlichen Basiskompetenzen in den Bereichen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften erreichen – damit liegt Deutschland nun im Mittelfeld der OECD-Länder. Gleichzeitig hätten die Kompetenzunterschiede zwischen sozial benachteiligten und privilegierten Schüler:innen etwa in den Naturwissenschaften weiter zugenommen, so der Bericht, und seien heute größer als zu Beginn der PISA-Erhebungen im Jahr 2000.

Der Wissenschaftler wünscht sich, dass aus diesem Befund stärker Konsequenzen gezogen werden. „Der Diskurs zu den PISA-Studien dreht sich in der Regel primär um die fehlenden Basiskompetenzen, die natürlich nicht zu vernachlässigen sind“, so Rohlfs. „Die Frage aber, wie wir sozial benachteiligte Familien besser einbeziehen können, gerät dabei regelmäßig aus dem Fokus. Dabei ist sie meines Erachtens der Schlüssel für ein erfolgreiches Bildungssystem.“

Ansätze wie das Startchancen-Programm stellen aus Rohlfs Sicht die richtigen Weichen. Auch Baden-Württemberg fördert hier gezielt Schüler:innen mit Unterstützungsbedarf, beispielsweise Kinder mit Migrationshintergrund und aus sozial schwierigen Lebenssituationen.  Insgesamt müssten Kinder und Jugendliche individuell begleitet und Lernprozesse noch genauer an die Lernenden angepasst werden. Individualisierte Fördermaßnahmen hält der Bildungsforscher dabei für sinnvoller als noch mehr Testungen, wie in erster Reaktion auf PISA erneut gefordert wurde. „Wir testen in den Schulen bereits hochfrequent, das bringt nichts außer noch mehr Druck und Stress für Lernende, Lehrende und Familien.“ 

Auch dürften nicht immer nur die frühe Bildung und die Grundschule – wie ebenfalls regelmäßig gefordert - Ansatzpunkt für Änderungen und Projektionsfläche für Ursachenzuschreibungen sein. „Es braucht auch an weiterführenden Schulen verstärkt Formen des Unterrichtens und der Kompetenzentwicklung, die einer modernen und demokratischen Gesellschaft entsprechen.“ Zu volle Bildungspläne seien kontraproduktiv. „Statt Heranwachsenden in kaum leistbarer Taktung ein möglichst breites und vielfach unzusammenhängendes Wissen abzuverlangen, sollten wir den Fokus stärker auf eine vertiefte, anwendungsbezogene und nachhaltige Kompetenzentwicklung legen“, so Rohlfs. Das gebe auch Lehrkräften mehr Zeit, passgenaue Unterrichtskonzeptionen zu entwickeln.

Auch sei das selektive Schulsystem der Bildungsgerechtigkeit nicht zuträglich, so Rohlfs, er erwarte aber in absehbarer Zeit keine grundlegenden Reformen dazu. Zu denken geben sollte der Gesellschaft zudem der vielfach belegte Zusammenhang zwischen Bildung und Demokratieunterstützung, wie der Bildungsforscher sagt. „Der Handlungsbedarf, den PISA 2025 erneut formuliert hat, ist auch vor diesem Hintergrund dringlicher als je zuvor.“

PISA-Studie
Die größte internationale Vergleichsstudie untersucht seit dem Jahr 2000, wie gut 15-Jährige zum Ende ihre Schulpflichtzeit alltagsnahe Problemstellungen verstehen und lösen können. Dabei nimmt sie unter anderem die Bereiche Lesen, Mathematik und englische Sprachkenntnisse in den Blick. 2025 bildeten Naturwissenschaften den Schwerpunktbereich und es wurde erfasst, wie gut Jugendliche mit digitalen Werkzeugen komplexe Probleme strukturieren und lösen können. An der Untersuchung nahmen mehr als 760.000 Schüler aus 91 Ländern teil - aus Deutschland rund 6.700 Schüler von etwa 250 Schulen. Mehr Informationen unter

Gemeinsame Stellungnahme der Pädagogischen Hochschulen Baden-Württemberg zur PISA-Studie:  

Text: Antje Karbe
Foto: Birgitta Hohenester

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