Mehrsprachigkeit in der KiTa: Mit einem Qualifizierungskurs bildet die PHHD pädagogische Fachkräfte für die alltagsintegrierte Sprachbildung und -förderung aus.
Kurz vor der Präsentation steigt die Nervosität. Maryam Jahangiri wird gleich das Sprachkonzept ihrer KiTa vorstellen und ist dabei doppelt gefordert. „Meine Muttersprache ist persisch. Auf Deutsch zu präsentieren, ist aber eine gute Übung,“ erzählt sie, während sie sich am Whiteboard positioniert.
Womit wir direkt bei einem Thema der heutigen Veranstaltung sind: dem Umgang mit Mehrsprachigkeit. Etwa 20 pädagogische Fachkräfte aus baden-württembergischen Kindertageseinrichtungen sprechen heute im Transferzentrum der Pädagogischen Hochschule Heidelberg. Ein Jahr lang haben sie sich intensiv mit frühkindlicher Sprachentwicklung und deren Förderung in Kindertagesstätten auseinandergesetzt. Nun zeigen sie in einer Abschlusspräsentation, wie sie ihr neues Wissen in der Praxis umsetzen – und gehen am Ende des Tages als zertifizierte Fachkräfte für „Sprache und Kommunikation“ nach Hause.
Gesprächsanlässe schaffen
Der Umgang mit Mehrsprachigkeit gehört in KiTas längst zum Alltag. Wie lässt sich hier sprachliche Bildung und Förderung gezielt einsetzen? Im Qualifizierungskurs der PHHD ist das Schlüsselwort „alltagsintegriert“: Unterstützung der Sprachentwicklung findet nicht nur in geplanten Settings und Zusatzangeboten statt, sondern vor allem bei alltäglichen Kommunikationsanlässen wie Essen oder Anziehen. Dafür braucht es geschulte pädagogische Fachkräfte, die geeignete Anlässe wahrnehmen und sprachliche Interaktionen an den kindlichen Äußerungen ausrichten.
„Wir beobachten unsere Kinder kontinuierlich und machen sie mit unbekannten Wörtern vertraut“, berichtet Fachkraft Jahangiri. Auch die anderen KiTas haben sich einiges einfallen lassen, um Kinder spielerisch, aber systematisch an Sprache heranzuführen. Kompetenzen in der deutschen Sprache sollen gefördert und gleichzeitig die Mehrsprachigkeit der Kinder unterstützt werden. So nimmt der Einsatz mehrsprachiger Bücher und Lieder beispielsweise alle Kinder mit. Ein Adventskalender mit den Weihnachtsbräuchen anderer Länder thematisiert verschiedene kulturelle Hintergründe. Die Materialsammlung, die ältere Kinder in Fächer mit dem richtigen Anfangsbuchstaben einsortieren dürfen, macht Lust auf Sprachlernen. Auf dem „Erzähltisch“ können Bilderbuchgeschichten dreidimensional nachgespielt werden. Und in der „Sommerferien-Box“ sammeln Kinder über die Ferien Gegenstände und berichten anschließend, was es damit auf sich hat.
Manche Einrichtungen kooperieren mit Buchläden und Büchereien oder laden zum internationalen Vorlesetag ein, bei dem Eltern in ihren Familiensprachen vorlesen. Überhaupt gilt ein enger Kontakt zu den Familien als wichtiger Baustein: Sie haben einen entscheidenden Anteil an der kindlichen Sprachentwicklung, auch wenn sie selbst nur wenig Deutsch sprechen.
Wissenschaftliche Erkenntnisse in der Anwendung
Fachbegriffe wie standardisierte Sprachstandserhebung, Sozialraumanalyse oder Förderplanung fallen heute ganz selbstverständlich - zu den Kursinhalten gehört auch umfangreiches theoretisches Wissen. Der Input dafür kommt von den Leiterinnen Professorin Dr. Jeanette Roos und Professorin Dr. Steffi Sachse vom Institut für Psychologie der PHHD. Mit ihrem Team schulen und begleiten sie seit 2021 Fachkräfte in fortlaufenden Kursen.
Jeanette Roos hat über 20 Jahre Erfahrung in der Konzeption von Fort- und Weiterbildungen zur frühkindlichen Bildung und für verschiedene Bildungsinitiativen. Die „Qualifizierung zur Fachkraft Sprache und Kommunikation" (QFSK) resultiert aus einer Zusammenarbeit mit dem Baden-Württembergischen Kultusministerium und dem Bund. Nun freut sich die Wissenschaftlerin, dass QFSK künftig auch zum neuen Landesprogramm „SprachFit“ beiträgt. „Dort ist die ‚Stärkung der alltagsintegrierten Sprachbildung und Sprachförderung in der KiTa‘ als eine von fünf Säulen verankert. Die Weiterbildung von Fachkräften spielt in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle.“
Die Theorie soll dabei immer gut mit der Praxis verzahnt sein: Nach jedem Modul erhalten Teilnehmer:innen „Transferaufgaben“, mit denen sie das Gelernte im Kita-Alltag umsetzen. Zudem durchlaufen sie im Qualifizierungskurs das wissenschaftlich evaluierte „Heidelberger Interaktionstraining“ (HIT) des Kooperationspartners „Zentrum für Entwicklung und Lernen“ (ZEL). In einem intensiven Training reflektieren sie ihr eigenes Interaktionsverhalten mit den Kindern und lernen, Situationen gezielt für Sprachbildung und -förderung zu nutzen. „Wir möchten Fachkräfte befähigen, sich in der Interaktion sensibel zu verhalten und das Kind sprachlich anzuregen“, sagt ZEL-Leiterin Professorin Dr. Anke Buschmann, die das HIT entwickelt hat.
Während des Kurses besuchen die Leiterinnen zudem teilnehmende Einrichtungen und stellen Aufbau und Ziele der Qualifizierung vor. Das schafft Transparenz und klärt offene Fragen. Zudem ist zentral, dass die Fachkräfte als Multiplikator:innen die Themen der Qualifizierung weitergeben. „Wir brauchen für die Umsetzung das gesamte Team einer KiTa im Boot, das ist der Knackpunkt“, sagt Steffi Sachse. „Eine Person allein kann das nicht stemmen.“
Multiplikator:innen für die Praxis
Deshalb benötigen die Teilnehmer:innen Rückenwind für eine ungewohnte Rolle, auf die sie im Kurs vorbereitet werden: Sie werden das eigene Team dafür schulen, sprachförderliche Interaktionen systematisch im Alltag einzusetzen. Viele sind hier schon aktiv geworden und berichten von allerlei Lernerfahrungen, vom Finden eines gemeinsamen Termins bis zu den Details der Umsetzung in allen Kita-Bereichen.
Auch darüber spricht man im Kurs offen: Alltagsstress, Jobwechsel und andere Umstände, die eine Umsetzung ausbremsen können. Gleichzeitig wird in den Präsentationen spürbar, wie motiviert alle sind, „ihre“ Kinder bestmöglich zu fördern und auch Stolz auf bereits Erreichtes schwingt mit.
Martin Solbach erzählt, dass er herausfordernd finde, auch bei Personalknappheit in Sachen Sprachförderung dranzubleiben. „Wenn Sie das Konzept leben, spricht das vielleicht auch andere im Team an“, sagt Anke Buschmann. „Sie sind sozusagen der Garant, dass es in Zukunft weitergeht“. Die Grundlagen sind mit dem Kurs jedenfalls gelegt, wie auch Solbach bestätigt. „Wir haben direkt gemerkt, dass man schon mit einfachen Mitteln gute Erfolge bei den Kindern erzielt.“
Hinweis
Kurs 14 startet am 23. Juni 2026, Bewerbungen ab sofort unter
Alle Informationen zur Weiterbildung unter
Text: Antje Karbe
Fotos: Birgitta Hohenester