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Demokratie, das sind wir alle

Wie stärken wir Vertrauen in unsere Politik und die Zukunft? Das 4. Heidelberger bildungspolitische Gespräch zeigte, dass großer Gesprächsbedarf besteht.

Beim 4. Heidelberger bildungspolitischen Gespräch wurde über Demokratie und Vertrauen diskutiert: (v. links) Prof.in Dr. Karin Vach, Bodo Ramelow, Prof.in Dr. Dr. Eva Winkler, Armin Himmelrath.

Unsere Demokratie scheint in der Defensive. Das Vertrauen in Institutionen und politische Wirksamkeit schwindet. Wie entsteht Vertrauen in unsere Demokratie und was können Schulen und Hochschulen dazu beitragen? Die Pädagogische Hochschule Heidelberg hatte mit dem 4. Heidelberger bildungspolitischen Gespräch (HbG) eingeladen, darüber zu diskutieren.

Die Keynotes zum Titel „Demokratie – Vertrauen als Auftrag?“ hielten Bodo Ramelow, MdB für die Linke und Vizepräsident des Deutschen Bundestags, und Prof. Dr. Eva Winkler, Medizinethikerin und Onkologin. Moderiert wurde die Veranstaltung von Wissenschafts-Journalist Armin Himmelrath. Rund 300 Besucher:innen waren in der Festhalle und weitere 150 über den Live-Stream dabei.

Sie freue sich über das Interesse und besonders über viele Studierende im Publikum, sagte Rektorin Prof. Dr. Karin Vach in ihrer Begrüßung. „Wir möchten Ihnen heute zuhören. Es ist wichtig, dass Sie dabei sind, denn Sie sind die Zukunft.“ In Zeiten, in denen Kinder und Jugendliche überall Pessimismus und regelmäßig Hetze in den Sozialen Medien erlebten, sei die Frage für Bildungsinstitutionen: „Wie erreichen wir die nächste Generation, um unsere Demokratie zu stärken?“

Wissenschaft wägt ab, Politik setzt um

Das Vertrauen in die Forschung sei in Deutschland stabil, aber nicht mehr selbstverständlich, sagte Eva Winkler, die in ihrem Impulsvortrag die Perspektive der Wissenschaft einbrachte. Die Professorin für Translationale Medizinethik befasst sich in ihren Arbeiten sowie in vielfältigen Ämtern mit Ethik im Gesundheitswesen: Sie leitet das 2025 gegründete Institut für Medizin- und Datenethik sowie das Camilla-und-Georg-Jellinek-Zentrum für Ethik der Universität Heidelberg und ist u.a. stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Ethikrats.

Winkler zitierte aus dem „Wissenschaftsbarometer 2025“: Hier drücken immer noch 54 Prozent der Befragten ein hohes Vertrauen in die Wissenschaft aus. Gleichzeitig wird das Verhältnis von Wissenschaft und Politik zunehmend kritisch gesehen. Nur noch die Hälfte der Befragten (2020: 78 Prozent) fand, dass politische Entscheidungen auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhen sollten. Vertrauensbildend sei hier eine klare Rollenverteilung, sagte die Ethikerin: Wissenschaft könne Optionen abwägen und Empfehlungen geben. „Die Umsetzung liegt jedoch bei der Politik!“

Grundsätzlich sei Vertrauen in die Demokratie kein Automatismus, so Winkler. Vielmehr verdienten sich Institutionen dieses, indem sie sich „vertrauenswürdig“ zeigten. Und es brauche stets das Zusammenspiel mit mündigen Bürger:innen. „Die Gesellschaft muss ihre Mitglieder durch politische Bildung befähigen, sich zu informieren, kritische Urteile zu fällen und politisch teilzuhaben.“ Hierfür seien Bildungsinstitutionen die wichtigsten Orte demokratischen Lernens. „Das kann politisch kaum überschätzt werden“.

Braucht es neue Formen der Beteiligung?

Zumal Menschen sich zunehmend überfordert fühlen, wie Bundestagsabgeordneter Bodo Ramelow in seinem Impulsvortrag berichtete. „Unsere Gesellschaft verändert sich in unglaublicher Geschwindigkeit.“ In seinen Begegnungen erlebe er eine große Verunsicherung. Manch aktuelle Entwicklung wie die Flut KI-generierter Bilder stärke bereits vorhandene Klüfte, beispielsweise zwischen den Generationen. Weltpolitische Umbrüche ließen Menschen in Nostalgie und Erinnerung an ‚gute alte Zeiten‘ verharren.

Wie können wir also genug Vertrauen bewahren, um gemeinsam in die Zukunft zu gehen, „auf einem schmalen Brett über den reißenden Fluss der Zeit?“, wie Ramelow es bildhaft formulierte. „Leitplanken dafür können wir nur im Gespräch entwickeln“, sagte der Politiker, „indem wir Menschen einladen, ihre Welt mitzugestalten.“ Es brauche neue Formen des Miteinander-Redens, Räume der Begegnung und mehr Bürgerbeteiligung. Und gelegentlich auch eine Erinnerung daran, dass wir in Deutschland immer noch auf hohem Niveau miteinander lebten – sowohl was den Wohlstand als auch das politische System betreffe.

Vom Umgang mit Fehlern

Gelegenheit zur Diskussion bot die anschließende „Fish Bowl“, bei der man aus dem Publikum auf dem Podium Platz nehmen und Fragen einbringen konnte. Gerade Studierende nahmen die Gelegenheit wahr: Ihre kritischen Beiträge zeigten zugleich, wie stark sich die kommende Generation durch düstere Zukunftsszenarien belastet fühlt. Ob Kriege, karge Rentenaussichten oder der Klimawandel: „Die junge Generation ist selten Teil der Diskussion“, sagte ein angehender Politiklehrer. Wie weitere Kommilitoninnen wollte er wissen: „Wie sollen wir in der Schule Vertrauen in die Demokratie vermitteln, wenn wir selbst das Gefühl haben, dass Politik sich nicht als vertrauenswürdig erweist oder adäquat die Mehrheitsmeinung repräsentiert?“

Politische Bildung bedeute nicht, Demokratie nur schön zu färben, sagte Bodo Ramelow. Über Fehler müsse gesprochen werden, auch wenn nicht immer sofort die Aufarbeitung erfolge – hier wurde aus dem Publikum wiederholt der Maskenskandal um den ehemaligen Gesundheitsminister Jens Spahn angeführt. Es gehe nicht darum, alle demokratischen Institutionen grundsätzlich anzuzweifeln, so der Politiker. „Aber es gibt nun mal keine fehlerfreie Regierung und auch die Demokratie ist mängelbehaftet. Dies müssen wir immer wieder sichtbar machen.“

Ähnliches gelte für die Wissenschaft und den Umgang mit eigenen Fehlern oder den Grenzen des Wissens, sagte Eva Winkler. Innerhalb der Community werde intensiv über eine transparentere Fehlerkultur diskutiert. Gleichzeitig müssten der jungen Generation schon früh entsprechende Fähigkeiten vermittelt werden, um urteilen oder respektvolle Auseinandersetzungen führen zu können. „Institutionen sind nur so gut, wie die Menschen, die dort tätig sind.“

Mischen Sie sich ein!

Sie frage sich, was Schule noch alles leisten solle, gab eine Wissenschaftlerin aus dem Publikum zu Bedenken. Sei das Kerngeschäft nicht lediglich, grundlegende diskursive Fähigkeiten zu vermitteln? Schule sei auch ein Lebensort, der im Alltag selbst Demokratie vorleben müsse, so Ramelows Überzeugung. Er sehe Bedarf, hier über neue Formen der Pädagogik und der Organisation zu reden.

Die Studierenden lud er ein, sich durch politisches Engagement einzubringen. „Lassen Sie uns kämpfen, beispielsweise durch Petitionen. Mischen Sie sich ein, stellen Sie sich quer und schaffen Sie ein Klima, in dem Sie sich ermächtigt fühlen.“ Denn, dies wurde im Gespräch immer wieder klar, Demokratie ist kein abstraktes Gebilde, das sind letztlich wir alle.

„Wir haben heute einen Raum geöffnet“, sagte Rektorin Vach zum Abschluss. Es sei sehr deutlich geworden, dass es mehr solcher Gespräche bedürfe. „Dies war ein Anfang, wir nehmen das als Auftrag für unsere Lehrkräftebildung mit.“

Das Heidelberger bildungspolitische Gespräch (HbG)
Das HbG greift aktuelle Themen von hoher gesellschaftlicher sowie schulpolitischer Relevanz auf. Die Pädagogische Hochschule Heidelberg lädt dafür die Öffentlichkeit zur Diskussion mit namhaften Podiumsgästen aus Wissenschaft und Politik ein. Ziel ist ein offener, konstruktiver Austausch, der unterschiedliche Erfahrungen, Positionen und Ideen miteinander ins Gespräch bringt und Impulse für die Praxis gibt. Informationen unter

Text: Antje Karbe
Foto: Birgitta Hohenester

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