Die PHHD hat zwei Fellowships für innovative Prüfungsformate vergeben: Ausgezeichnet werden Projekte zu KI-reflektierter Fallarbeit und semesterbegleitender Kompetenzprüfung.
Die Pädagogische Hochschule Heidelberg fördert mit zwei neuen Fellowships die Erprobung innovativer Prüfungsformate für die Hochschullehre in Zeiten generativer KI – also Technologie, die Muster aus bestehenden Daten erlernt und diese nutzt, um eigene Medien zu erzeugen. Ausgezeichnet wurden ein Konzept von Ulrike Fessler und Professorin Dr. Karin Terfloth aus der Sonderpädagogik sowie eines von Jun.-Prof. Dr. Priska Sprenger aus der Mathematik. Mit dem Fellowship-Programm "Prüfen neu denken" unterstützt die Hochschule die Entwicklung kompetenzorientierter Prüfungsformate, die berufliche Handlungskompetenzen stärken und zugleich neue Antworten auf die Herausforderungen generativer künstlicher Intelligenz geben.
"Generative KI verändert die Art und Weise, wie Wissen erarbeitet und dargestellt wird", erklärt Professor Dr. Christian Rietz, der als Prorektor der PHHD sowohl die Bereiche Studium und Lehre als auch Digitalisierung verantwortet. Rietz weiter: "Damit werden auch klassische Prüfungsformate vor neue Herausforderungen gestellt. Als Folge müssen gerade wir als bildungswissenschaftliche Hochschule uns fragen, welche Kompetenzen zum Beispiel traditionelle Hausarbeiten oder Klausuren tatsächlich messen und wie Prüfungen künftig gestaltet werden können, um Lernen sinnvoll zu fördern. Mit dem Fellowship-Programm möchten wir unsere Lehrenden dabei unterstützen, neue Wege des Prüfens zu entwickeln, praktisch zu erproben und hochschulweit diskutierbar zu machen."
Sonderpädagogik: Theorie, Praxis und KI-Reflexion verbinden
Ein Fellowship geht an Ulrike Fessler und Professorin Dr. Karin Terfloth (Institut für Sonderpädagogik). Im Zentrum ihres Konzepts steht ein bereits etabliertes, fallbasiertes Prüfungsformat im Modul "Sonderpädagogischer Dienst / Kooperation / Inklusive Bildungsangebote": Studierende bearbeiten reale Fälle aus der inklusiven Schulpraxis und verknüpfen dabei Perspektiven aus Inklusion und Diversität, Beratung sowie inklusiver Didaktik. Die Prüfungsleistung erfolgt als kooperative mündliche Gruppenprüfung, in der Fallanalysen präsentiert, diskutiert und reflektiert werden. Das Format stärkt die Verbindung von Theorie und Praxis sowie die professionelle Analyse komplexer Handlungssituationen.
Im Rahmen des Fellowships wird dieses Prüfungsformat gezielt weiterentwickelt und digital gestützt ausgebaut. Dabei sollen die Materialien in einem zentralen digitalen Raum zugänglich gemacht werden, um Transparenz und nachhaltige Nutzung zu erhöhen. Auch der Umgang mit generativer KI wird im Rahmen der Weiterentwicklung aufgegriffen: Studierende sollen KI-gestützte Werkzeuge zum Beispiel bewusst nutzen können, um Perspektiven verschiedener Beteiligter sichtbar zu machen oder mögliche Ursachen, Dynamiken und Handlungsoptionen im jeweiligen Fall zu strukturieren. Die Bewertung bleibt jedoch auf die eigenständige fachliche Einordnung, Begründung und Reflexion der Ergebnisse ausgerichtet.
Mathematik: Prüfungen als Teil professioneller Handlungskompetenz
Ein weiteres Fellowship wird an Jun.-Prof. Dr. Priska Sprenger (Abteilung Mathematik) vergeben. Im Mittelpunkt steht das Seminar "Diagnose und Förderung", in dem ein semesterbegleitendes Prüfungsformat entwickelt und erprobt wird, das klassische Klausuren teilweise ersetzt.
Das Seminar ist als Flipped-Classroom-Setting angelegt: Studierende bereiten Inhalte eigenständig vor, während die Präsenzzeit für Anwendung, Diskussion und Reflexion genutzt wird. Darauf aufbauend erbringen sie ihre Prüfungsleistung über mehrere praxisnahe, aufeinander bezogene Aufgaben im Semesterverlauf, die typische Anforderungen des Lehrer:innenberufs abbilden – darunter Diagnose- und Beobachtungssituationen, Feedbackprozesse sowie die Entwicklung von Förderansätzen für heterogene Lerngruppen. Ein zentrales Element des Konzepts ist das formative Peer-Assessment, in dem Studierende anhand transparenter Kriterien ihren Kommiliton:innen strukturiertes Feedback geben und zugleich ihre eigene Beurteilungs- und Rückmeldekompetenz weiterentwickeln.
Sprenger bezieht die generative KI reflektiert in das Lehr- und Prüfungsdesign ein: Diese kann unterstützend für Ideenentwicklung und Materialarbeit genutzt werden, zugleich werden ihre Möglichkeiten und Grenzen kritisch analysiert. Die eigentlichen Kompetenznachweise bleiben in interaktiven, präsenzgebundenen und nicht delegierbaren Prüfungssituationen verankert.
Impulse für die Lehre
"Die von den nun ausgezeichneten Fellows entwickelten Prüfungsformate verbinden praxisnahe Aufgabenstellungen, kontinuierliche Leistungsnachweise und reflektierte Lernprozesse mit digitalen und modular aufgebauten Strukturen. Beide Projekte sind so angelegt, dass ihre Ansätze auch über die jeweiligen Fachkontexte hinaus nutzbar werden. Sie liefern somit wichtige Impulse für die hochschulweite Diskussion über zeitgemäßes Prüfen und besitzen Vorbildcharakter für die Weiterentwicklung kompetenzorientierter Prüfungsformate in der Hochschullehre", so Rietz.
Das Format von Fessler und Terfloth verbindet zum Beispiel Anknüpfungspunkte für fallbasierte und theoriegeleitete Prüfungsformate mit starkem Praxisbezug, während das Konzept von Sprenger Modelle für semesterbegleitende Kompetenzbewertung, formative Peer-Feedback-Prozesse und performative Prüfungssettings erprobt. Beide Vorhaben schaffen damit konkrete Beispiele dafür, wie Prüfungen unter den Bedingungen generativer KI weiterentwickelt werden können, ohne den Fokus auf eigenständige fachliche Urteilsbildung und professionelle Handlungskompetenz zu verlieren.
Neue Ausschreibung
Die PHHD schreibt für das Wintersemester 2026/2027 erneut Fellowships "Prüfen neu denken" aus. Lehrende der Pädagogischen Hochschule Heidelberg können sich noch bis zum 15. Juli 2026 bewerben.
Weitere Informationen dazu finden Sie unter
Text: Verena Loos
Bilder: Hohenester bzw. AW-ZIB / PHHD