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Wie fühlt sich die Welt bei Taubblindheit an?

Der 27. Juni ist der internationale Tag der Taubblindheit: Ein neues Forschungsprojekt der PHHD untersucht die Emotionen und Ausdrucksweise betroffener Menschen.

PHHD-Studierende erlernen und üben im Seminar die taktile Kommunikation für Menschen mit Taubblindheit.
Doktorandin Kamei: "All meine Erfahrungen haben mir gezeigt, wie wichtig es ist, zu verstehen, was [taubblinde] Kinder fühlen – für die Interaktion und für das Wohlbefinden der Kinder."
Prof. Dr. Andrea Wanka (Mitte) hat an der PHHD die bundesweit erste Professur für Taubblinden-/Hörsehbehindertenpädagogik aufgebaut.
Sensibilisierung im Studium: Wie bewegen sich Menschen mit Taubblindheit in ihrem Umfeld?

Menschen mit Taubblindheit erleben die Welt anders. Wie mache ich mir ein Bild meiner Umgebung ohne sie zu sehen und zu hören? Und wie kann Kommunikation für mich funktionieren? „Wahrnehmung läuft dann vor allem nonverbal bzw. taktil ab, über den Tastsinn“, sagt Sonderpädagogin Emi Kamei. Noch wisse man relativ wenig darüber, wie Menschen mit angeborener Taubblindheit ihre Emotionen ausdrückten. Kamei hat gerade ihre Promotion bei Professorin Dr. Andrea Wanka begonnen, in der sie genau diese Fragen untersuchen will: Wie können wir die Emotionen und das Verhalten solcher Menschen besser verstehen?

Emi Kamei hat bereits selbst taubblinde Kinder in Tokio unterrichtet, an der nationalen Blindenschule Japans. Für ihre Ausbildung hatte sie ein „Educational Leadership Program“ an der „Perkins School for the Blind“ in Massachusetts (USA) absolviert – auch die bekannte Helen Keller besuchte diese – und an der Universität Groningen den Masterstudiengang „Communication and Deafblindness“ abgeschlossen. Nun führt ihre Doktorarbeit sie an die Pädagogische Hochschule Heidelberg: Hier wurde Dr. Andrea Wanka 2018 auf die deutschlandweit erste Professur für Taubblindenpädagogik berufen.

Jedes Kind kommuniziert individuell

Natürlich sei Kommunikation bei Taubblindheit sehr individuell, sagt Kamei. Manche Kinder entwickelten verbale Kommunikation, viele aber drückten sich durch nonverbale und taktile Kommunikation wie Körpersprache, Gesten und Zeichen aus. Dabei könne es für sie schwierig sein, mit anderen in Verbindung zu kommen und verstanden zu werden.

Das würde Kamei mit ihrer Arbeit gerne ändern. „All meine Erfahrungen haben mir gezeigt, wie wichtig es ist, zu verstehen, was diese Kinder fühlen – für die Interaktion und für das Wohlbefinden der Kinder.“ Das Deutsche Taubblindenwerk in Hannover unterstützt ihre Forschung: Hier besucht sie derzeit Schulklassen, um Proband:innen für ihre Arbeit zu finden. Mit Erlaubnis der Eltern wird sie diese eine Zeit lang begleiten und näher kennenlernen.

„Um die emotionale Ausdrucksweise nachvollziehen zu können, muss ich auch die persönliche Geschichte der Kinder kennen“, erklärt sie. Dazu gehörten die Biografie - Erfahrungen mit Menschen und Umwelt, Familiensituation - aber auch die bisherige schulische und medizinische Begleitung.

Biografische und situative Hintergründe

Die Wissenschaftlerin will dafür Daten sammeln, Lehrkräfte und Familien befragen. „Ein Thema wird sein, wie diese Kinder individuell Informationen erlangen, also welche Erfahrungen sie über Sinneswahrnehmungen wie Sehen, Hören und Tasten sammeln konnten. Ein wichtiger Anteil ihres Projekts ist zudem die Analyse von Videoaufnahmen, die Interaktionen der Proband:innen festgehalten haben.

Bei alledem ist Kamei auch der persönliche Kontakt mit Schüler:innen wichtig. Sie erzählt von ihrer jüngsten Begegnung mit einem Teenager, den sie angesprochen hatte – über vorsichtige und respektvolle Berührung am Arm oder an der Hand. Nach anfänglichem Zögern fasste er Vertrauen und kommunizierte taktil mit ihr. „Das war ein besonderes und wunderbares Erlebnis, eine nonverbale Verbindung. Wir haben es genossen, ohne Worte Zeit miteinander zu verbringen und uns über den Tastsinn auszutauschen.“

Die Ergebnisse ihrer Arbeit sollen Ansätze für eine bessere emotionale Unterstützung von Menschen mit Taubblindheit liefern. Das treibt sie an, auch wenn sie ihr Forschungsthema durchaus herausfordernd findet. „Gefühle zu teilen ist wertvoll und wichtig - so können wir wirklich mit Menschen in Kontakt kommen und die gemeinsame Zeit gewinnt an Bedeutung.“

Tag der Taubblindheit am 27. Juni
Die Vereinten Nationen haben den 27. Juni offiziell als internationalen Tag für Menschen mit Taubblindheit/Hörsehbehinderung ausgerufen und damit die Rechte der Betroffenen gestärkt. Die Forschung zu dieser Art der Beeinträchtigung ist in Deutschland erst im Aufbau. Die Doktorarbeit Understanding Emotions of People with Congenital Deafblindness and Underlying Reasons for their Expressions and Behaviours” von Emi Kamei soll einen Beitrag zu einem besseren Verständnis liefern. Sie wird von Prof. Dr. Andrea Wanka an der PHHD betreut und von der Doris Leibinger Stiftung gefördert. Weitere Informationen unter .

Text: Antje Karbe
Foto: Verena Loos, Birgitta Hohenester und privat

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