26 Jahre lang war Henrike Schön treibende Kraft für die internationalen Beziehungen der Pädagogischen Hochschule Heidelberg
Begegnete man Henrike Schön auf dem Campus, war sie meistens in Aktion: Ob es galt internationale Gäste zu betreuen, Fördergelder einzuwerben oder Hochschulpartnerschaften zu pflegen, die Leiterin des Akademischen Auslandsamts war immer mit Verve und Ideenreichtum unterwegs. Kurz vor ihrem Abschied wirft sie im Gespräch mit Antje Karbe einen Blick zurück.
Frau Schön, haben Sie hochgerechnet, wie oft Sie in 26 Jahren im Namen der PHHD weltweit unterwegs waren?
Henrike Schön: Auf jeden Fall mehrmals pro Jahr, in ganz Europa aber auch in Kolumbien, Chile, Indonesien, Japan und Australien. Am häufigsten habe ich mit 16 Mal wohl die USA bereist, gefolgt von Litauen. Unter anderem war ich regelmäßig bei den großen Hochschulmessen „NAFSA Annual Conference and Expo“ (USA) und „EAIE -European Association for International Education“, die waren immer eine gute Gelegenheit, Hochschulpartnerschaften zu pflegen und neue anzubahnen. In den letzten Jahren hat sich der Schwerpunkt nach Europa verlagert, die USA sind jetzt deutlich nationaler orientiert und ich habe inhaltlich weniger von der Messe profitiert.
Ist Ihnen eine Reise in besonderer Erinnerung geblieben?
Prägend war 2004 ein dreiwöchiger Aufenthalt in den USA, bei dem ich die Bandbreite amerikanischer Hochschulen kennenlernte, von Women‘s College, Black College und Eliteuniversität bis zur Hochschule für Rüstungsforschung. Die umfassende Betreuung unserer Gästegruppe dort wurde mir Vorbild, ich habe versucht, dies auch bei uns zu implementieren.
Viele Reisen waren auf ihre Weise ein Highlight: In Kolumbien kam ich mit dem herz- und kopfzerbrechenden Elend der Slums in Berührung. Gleichzeitig war da ein überwältigendes Engagement vieler Bildungseinrichtungen – diese Mischung war sehr beeindruckend und verändernd. Buthan kennenzulernen, war ein Geschenk. Dort wurde ich von unserer Partnerhochschule mit offenen Armen empfangen und konnte in die (Bildungs)kultur eintauchen. Meine letzte große Reise führte nach Japan, wo ich mich sehr sicher und wohl gefühlt habe, die höflich-zurückhaltende Art der Menschen liegt mir. Man kannte sich vorher aus Zoom-Sitzungen - wenn solche Beziehungen sich in gelebtes Leben verwandeln, ist das wunderbar. Und vor Ort unsere Studierenden oder Alumni zu treffen, war mir immer eine besondere Freude.
Was bedeutet „Internationalisierung“ im Kern für Sie?
Internationalisierung ist ein multifaktorieller Prozess, u.a. spielen Hochschulpolitik und geopolitisches Geschehen eine Rolle. Für mich bedeutet es im Kern das Zusammenbringen von Menschen unterschiedlicher kultureller Hintergründe und Nationen, um gegenseitiges Verständnis zu erwirken. Ich komme aus einer Familie mit Vertriebenengeschichte und Weltkriegserfahrung und erinnere mich an eine bewegende Situation mit internationalen Studierenden auf der Heidelberger Thingstätte. Da dachte ich: Unsere Großeltern und Eltern haben sich im zweiten Weltkrieg bekämpft und die Enkel sitzen hier als glückliche Austauschstudierende und finden neue Wege zueinander. Deshalb halte ich die Mobilität von jungen Menschen für unverzichtbar. Wenn man mit Menschen anderer Nationen zusammen an einem Tisch saß, verringert das vermutlich die Wahrscheinlichkeit, dass man hinterher aufeinander schießt.
Und warum sollten speziell Lehramtsstudierende diese Erfahrung zu machen?
Wir haben heute eine multinationale Bildungswirklichkeit, da halte ich eigene internationale Erfahrung für hilfreich, um damit umzugehen. Wer selber im Ausland mit einer fremden Sprache gekämpft hat, führt Gespräche mit Eltern, die kaum Deutsch sprechen, anders. Es ist statistisch hinterlegt, dass viele Studierende nach einem Auslandsaufenthalt stressresistenter sind und mehr Ambiguitätstoleranz haben - diese Art der Persönlichkeitsentwicklung lässt sich auch in der Praxis beobachten.
Erfreulich ist, dass wir Pädagogischen Hochschulen hier über die Jahre viel Unterstützung bei der Internationalisierung erhalten haben, durch das Wissenschaftsministerium, Drittmittelgber und auch die Hochschulrektorenkonferenz. Die PHHD hat sowohl vom Audit wie auch vom Re-Audit Internationalisierung der Hochschulen enorm profitiert.
Wie hat sich der Blick innerhalb unserer Hochschule auf Internationalisierung entwickelt - die erste Strategie dazu stammt aus dem Jahr 2010?
Lehrkräftebildung war lange regional ausgerichtet. Als ich kam, nahm die PHHD zwar am Erasmusprogramm teil und hatte 2000 die Leitungsstelle für das Akademische Auslandsamt eingerichtet. Doch nun galt es, die Kontakte nach Übersee zu stärken und die Teilnahme an Austauschprogrammen einzuwerben und zu professionalisieren. Das Baden-Württemberg-STIPEN’DIUM hatte hier von Anfang an eine wichtige Funktion für uns. Als wir 2010 eine Internationalisierungsstrategie auflegten, gab es gerade einen breiten, auch international geführten Diskurs dazu. Heute gehört die Strategie selbstverständlich in Hochschul-Portfolios.
Aber Internationalisierung verändert sich auch insgesamt?
Der Fokus hat sich von der bilateralen Zusammenarbeit – Lehrende pflegen Austausch mit einzelnen Hochschulen – zu multilateralen Projekten zwischen Institutionen verschoben. Statt 1:1-Austausch agieren viele Lehrende in internationalen Projekten, z.B. für Lehrkräfte-Weiterbildung oder die Entwicklung von Lernplattformen. Die Studierendenmobilität steigt erfreulicherweise weiter, es braucht dafür aber Engagement von Seiten der Lehrenden oder Hochschulen …
… dafür haben Sie unter anderem den „Goldenen Zugvogel“ verliehen.
Ja, mit dieser eigens geschaffenen Auszeichnung haben wir zehn Jahre lang Lehrende gewürdigt, die sich für den Studierendenaustausch engagieren und Studierende besonders gut auf Aufenthalte vorbereiten und fachlich begleiten. Ich halte Lehrende für sehr wichtig, wenn es darum geht, Studierende z. B. zu einem Auslandsaufenthalt in Übersee zu ermutigen.
Sie haben geopolitische Einflüsse erwähnt – gab es hier für Sie Meilensteine?
Viele Krisen der Welt waren abends in der Tagesschau und morgens in meinen Emails, beispielsweise das welterschütternde Attentat vom 11. September. An einem Freitagmittag las ich danach von einem neuen Programm des Deutschen Akademischen Austauschdienstes DAAD für den Euro-Islamischen Dialog und bin in das damalige Institut für Weiterbildung gestürzt, um den Leiter dafür zu gewinnen. Wir konnten uns erfolgreich um Mittel bewerben und mit Partnern in Marokko wunderbare Seminare durchführen. Die Kontakte bestehen bis heute!
Die Sinnkrise schlechthin war die Pandemie. Ein Jahr ohne Mobilität und das Gegenteil von dem zu tun, was ich für wichtig halte, das war keine schöne Zeit. Umso besser, dass alles relativ schnell wieder in Bewegung gekommen ist.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Internationalisierung?
Internationale Zusammenarbeit ist wichtiger denn je, um globale Probleme zu lösen. Ich bin überzeugt, dass internationale Forschungsprojekte und Austauschprogramme gebraucht werden, um viele unterschiedliche Perspektiven zusammenzubringen. Umso mehr hoffe ich, dass die PHHD der Internationalisierung auch künftig einen hohen Stellenwert beimisst und sie angemessen mit Stellen unterlegt. Den Studierenden wünsche ich, dass die Anerkennung der im Ausland erbrachten Leistungen weiter erleichtert wird - dafür fände ich nach wie vor ein curricular hinterlegtes Auslandsfenster gut, dass die vollständige Anerkennung ermöglichen würde.
Was nehmen Sie persönlich aus Ihrer Zeit an der PHHD mit?
Ich gehe mit Freude und Dankbarkeit über 26 reiche Jahre, die mir viele schöne Erfahrungen geschenkt haben und in denen ich mich hier entfalten konnte. Ich hatte mit klugen, weltoffenen und herzlichen Menschen zu tun, mit denen die Arbeit großartig war. Auch die Lehre an der PHHD hat mir unglaublich Spaß gemacht. Im Begleitseminar „Heidelberg, Stadt der Romantik, gestern und heute“ war ich mit internationalen Studierenden auf Entdeckungstour, um unsere Stadt mit allen Sinnen zu erleben.
Manchmal habe ich zu viel gearbeitet. Aber ich konnte viel umsetzen und das ist für einen Menschen, der in Arbeit Sinn sucht, etwas ganz Wichtiges. Mein jüngstes Projekt war, internationale Lehrkräfte im Nachstudium - wie z.B. Geflüchtete aus der Ukraine - in ein Stipendienprogramm des DAAD aufzunehmen und so finanziell zu entlasten. So kommen gut ausgebildete Lehrkräfte schneller in unser Schulsystem und nehmen vielleicht noch einen positiven Eindruck von unserer Hochschule mit. Das ist für mich sinnvolles Handeln.
Welche Pläne haben Sie für den neuen Lebensabschnitt?
Als erstes reise ich im Oktober nach Belgien und treffe ehemalige Mitlektorinnen aus meiner Zeit in Portugal, wir kennen uns seit 30 Jahren. Dann werde ich drei Wochen meinen Patenhund Filo hüten, wir wandern gerne zusammen durch den Wald. Ich werde mich weiter engagieren, im Vereinsvorstand der Freunde und Stipendiaten des Baden-Württemberg-STIPENDIUMs, im Verein der Freunde der PHHD und in einem Netzwerk von Frauen, den Soroptimisten. Doch insgesamt freue ich mich auf ein ruhiges und gesundes Leben. Ich bin sehr gerne in Heidelberg, möchte häufiger meine Freunde treffen und genießen, was oft zu kurz kam – beispielsweise auch mal an einem Sonntagabend ins Theater zu gehen.
Und sonst so?
Beim Thema Internationalisierung muss ein Rektorat die Richtung vorgeben. Es gab immer mal Zeiten, in denen andere Themen an der Hochschule Vorrang hatten. Letztlich hängt es davon ab, welche Prioritäten die Leitung setzt. Mit Marita Friesen hat die Hochschule eine hervorragende Prorektorin für Internationales. Ich habe ihr meinen letzten goldenen Zugvogel als Bitte hinterlassen, der Internationalisierung starke Flügel zu geben.
Text: Antje Karbe
Fotos: Birgitta Hohenester