Tagung der Fachdidaktiken Chemie und Physik: 450 Wissenschaftler:innen diskutieren über zeitgemäße naturwissenschaftliche Bildung
Die Bildung für nachhaltige Entwicklung vorantreiben, kritisches Denken fördern und zur Demokratiebildung beitragen: Auch dies sehen die Fachdidaktiken der Physik und Chemie als ihre Aufgabe. Denn längst ist naturwissenschaftliche Bildung mehr als die reine Vermittlung von Fachwissen. Wie sie zu einer demokratie- und zukunftsfähigen Gestaltung von Gesellschaft beitragen kann, diskutierten 450 Wissenschaftler:innen aus ganz Deutschland vergangene Woche an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg. Unter dem Titel „Nachhaltigkeit – Bildung – Transformation. Naturwissenschaftliche Bildung im Umbruch“ richtete die Fachgesellschaft für die Didaktik der Chemie und Physik (GDCP) im Altbau der Hochschule ihre Jahrestagung 2026 aus.
Die GDCP sei nicht nur eine der ersten Didaktik-Fachgesellschaften überhaupt, sie habe auch schon immer über die eigenen Disziplinen hinaus gedacht und auf ihren Tagungen Themen wie den Umweltschutz oder eine partizipative Demokratie diskutiert, sagte PHHD-Rektorin Prof. Dr. Karin Vach bei der Eröffnung in der Festhalle. „An der PHHD sind sie damit genau richtig.“ Die Hochschule nehme ihre gesellschaftliche Verantwortung sehr ernst und engagiere sich intensiv, unter anderem in den Bereichen Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) und Demokratiebildung.
Dass die Fachgesellschaft Position bezieht, zeigte auch Sprecherin Prof. Dr. Sabine Fechner (Universität Paderborn) in ihrer Begrüßung. Vor dem Hintergrund der Wahlergebnisse in Sachsen-Anhalt sei es heute wichtiger denn je, diskursfreundlich zu bleiben und andere Perspektiven aushalten zu können, so die Chemiediaktikerin. „Als Forschende können wir zu einem solchen Klima beitragen. Und als Lehrende sollten wir Vorbild für kommende Generationen von Lehrkräften sein.“
Neues Modell: Nachhaltige Entwicklung in einem komplexen Handlungsspielraum
Um naturwissenschaftliche Erkenntnisse in das Bildungssystem und die Gesellschaft zu tragen, haben die Didaktiken der MINT-Fächer ohnehin eine Schlüsselstellung. Doch für die Bewältigung globaler Herausforderungen wie dem Klimawandel oder soziale Ungleichheit müssten die Erkenntnisse auch mit Fragen der Demokratie, Gerechtigkeit und globalen Verantwortung verbunden werden, so das Orgateam um Prof. Dr. Markus Rehm, Prof. Dr. Manuela Welzel-Breuer und Prof. Dr. Patrik Vogt (alle PHHD) in der Einladung zur Tagung.
Eventuell braucht es sogar eine fächerübergreifende „Didaktik der Nachhaltigkeitswissenschaft“, wie Dr. Stefanie Rinaldi und Prof. Dr. Markus Wilhelm vom UNESCO-Lehrstuhl der Pädagogischen Hochschule Luzern vorschlagen. In der ersten Keynote sprachen sie über ihr Konzept und stellten – als Modell für eine zeitgemäße BNE und als Orientierung für Lehr-Lern-Prozesse – den „Apfelring mit Biss“ vor, ein weiterentwickelter Entwurf zum gängigen Bild der Donut-Ökonomie.
Der Apfelring visualisiert dabei den Handlungsspielraum für ein nachhaltiges und gerechtes Leben zwischen planetaren Grenzen (äußere Begrenzung) und einem gesellschaftlich ausgehandelten Mindestzugang zu Ressourcen und Teilhabe (Kern). Die herausgebissene Stelle macht sichtbar, dass die Nutzung nicht erneuerbarer Ressourcen Verluste verursacht, die unumkehrbar sind und diesen Korridor verkleinern. „Zugleich verdeutlicht das Modell die Komplexität vielfältiger Wechselwirkungen, die Kontroversität konkurrierender Interessen und die Kontingenz unsicherer Entwicklungen“, erklärt Markus Rehm. „Didaktisch ist dies bedeutsam, weil Lernende Nachhaltigkeitsfragen so nicht als Probleme mit einer eindeutigen Lösung bearbeiten, sondern als offene, konflikthafte und gestaltbare Herausforderungen.“
Weitere Keynotes analysierten den aktuellen Stand der Klimabildung an Schulen (Prof. Dr. Dietmar Höttecke, Hamburg) und den Umgang mit „Socioscientific Issues (SSI)“ (Prof. Dr. Carola Garrecht, Bern), naturwissenschaftliche Themen, die im Unterricht zur Debatte anregen sollen. Prof. Dr. Mandy Singer-Brodowski (Regensburg) sprach zudem darüber, wie Lehrkräfte mit emotionalen Reaktionen auf Themen wie den Klimawandel umgehen können – beim Versuch, die Debatte zu versachlichen, sei dieser Faktor immer wieder unterschätzt worden.
Mehr als 200 Veranstaltungen
Die mehr als 200 Vorträge und Workshops der Tagung nahmen aktuelle Themen der Chemie- und Physikdidaktik in den Blick. Unter anderem ging es um die Nutzung von KI und Social Media im MINT-Unterricht, Unterrichtsplanung und Lehrkräfteprofessionalisierung oder BNE und kritisches Denken. In Postersessions und Vernetzungsformaten hatten gerade junge Forschende Gelegenheit, ihre Arbeiten zu präsentieren, in den fachlichen Austausch zu treten und Kontakte zu knüpfen.
Für Atmosphäre, Verpflegung und die vielen Impulse habe es durchweg positive Rückmeldungen gegeben, zog Rehm am Ende Bilanz. „Das alles war besonders durch die Arbeit von Eva Bühler, Johanna Mohn-Riedel und unseren engagierten studentischen Hilfskräften möglich“, so der PHHD-Wissenschaftler. Vor allem sei man stolz auf ein gut ineinandergreifendes und inhaltlich breit gefächertes Programm. „Ich denke, wir haben deutlich gemacht, dass es mehr braucht als Fachwissen, um Schüler:innen fit zu machen für eine komplexe Gesellschaft und Welt.“
Alle Informationen zur Tagung unter
Fachgesellschaft für die Didaktik der Chemie und Physik (GDCP):
Text: Antje Karbe
Bilder: Birgitta Hohenester