| EN

Willkommen im Newsroom der Pädagogischen Hochschule Heidelberg – Ihrem zentralen Ort für Mitteilungen aus Lehre, Forschung und zu Entwicklungen in der Pädagogischen Hochschule selbst. Hier finden Sie auch Neuigkeiten zu innovativen Projekten, Publikationen und Entwicklungen in der Hochschulbildung sowie Berichte über Preise und Auszeichnungen. Bleiben Sie informiert über wichtige Ereignisse und Trends, die das Leben an unserer Hochschule prägen.

Magie mathematisch entzaubern

Mathematikprofessor Christian Spannagel beschäftigt sich mit Okkultismus. Im Gespräch erklärt er, wie Zahlenmystik Neugier weckt und warum Lehrkräfte Esoterik kritisch hinterfragen müssen.

Für die einen sind Zahlen wegen ihrer mathematischen Eigenschaften interessant. Andere verbinden laut Spannagel mit ihr Hoffnungen, Ängste oder die Vorstellung einer verborgenen Ordnung.

Christian Spannagel ist bekannt dafür, mit seiner Forschung und Lehre neue Wege zu gehen. Schon früh begann er , seine Vorlesungen auf hochzuladen. Mit seinem Projekt „“ bespricht er seit 2024 mathematische Fragestellungen in kurzen Reels in den sozialen Medien und vernetzt an Mathematik Interessierte erfolgreich auf Discord.

Seit rund einem Jahr verfolgt er nun ein weiteres Vorhaben: Spannagel hat sich in die der Wissenschaft eigentlich fernen Welt des Okkultismus gewagt. Als Mathematiker setzt er sich damit auseinander, wie Menschen Zahlen mystisch aufladen und mit okkulten Bedeutungen versehen. Er erhofft sich damit, eine kritische Auseinandersetzung mit Okkultismus anzustoßen und auch künftige Lehrkräfte dafür zu sensibilisieren. Transfermanager Max Wetterauer hat mit ihm gesprochen. 

Was verstehst du unter Okkultismus?
„Okkultismus“ kommt vom lateinischen occultus, das bedeutet „verborgen“ oder „geheim“. Gemeint sind Vorstellungen und Praktiken, die von der Existenz verborgener Kräfte und Zusammenhänge der Welt ausgehen. Damit verbunden ist die Idee, durch Magie, Rituale oder die Deutung von Symbolen Zugang zu ihnen zu bekommen. Dabei spielen Traditionen wie Alchemie, Astrologie und der Spiritismus eine wichtige Rolle.

Okkultismus kann als eine Strömung innerhalb der Esoterik verstanden werden. Im allgemeinen Sprachgebrauch werden die Begriffe allerdings oft synonym verwendet. In meiner Arbeit fasse ich das Thema weiter: Mich interessieren esoterische Vorstellungen aus unterschiedlichen Zeiten und die Bedeutung, die Zahlen und geometrischen Formen darin zugeschrieben wird.

Warum beschäftigt sich ein Professor für Mathematikdidaktik ausgerechnet mit Okkultismus und Mystik?
Mathematik ist die Wissenschaft der Muster und Strukturen. Meist denken wir dabei an ihre Bedeutung für andere Wissenschaften wie etwa die Natur- und Ingenieurwissenschaften. Mathematische Strukturen spielen aber auch in esoterischen Weltbildern eine Rolle. Mich fasziniert, wie Menschen Zahlen und geometrische Formen aufgreifen und mit okkulter oder mystischer Bedeutung versehen. Welche Mathematik steckt dahinter – und wie entstehen daraus esoterische Aussagen?

Der zweite Grund ist die Lehrer:innenbildung. Ich erlebe, dass viele Lehramtsstudierende wenig über die Hintergründe von Esoterik wissen. Dabei begegnen auch Kinder und Jugendliche solchen Vorstellungen und sollten lernen, sie kritisch zu hinterfragen. Dafür brauchen sie gut informierte Lehrkräfte. Im Mathematikunterricht bieten etwa magische Quadrate, Heilige Geometrie, Numerologie und Gematrie spannende Anknüpfungspunkte: An ihnen lassen sich mathematische Kompetenzen erwerben und zugleich eine kritische Haltung gegenüber esoterischen Weltbildern entwickeln. Dabei geht es darum, mathematische Eigenschaften von den Bedeutungen zu unterscheiden, die Menschen ihnen zuschreiben, und die daraus abgeleiteten Behauptungen kritisch zu bewerten. Das alles thematisieren wir in einem Bachelorseminar für Studierende des Sekundarstufenlehramts.

Kannst du grob umreißen, mit welchen Fragen du dich in diesem Themenfeld auseinandersetzt?
Mich beschäftigen dabei im Wesentlichen drei Fragen: Erstens trage ich zusammen, welche mathematischen Konzepte in welchen esoterischen Denkmodellen vorkommen und welche Rolle sie dort spielen. Zweitens untersuche ich gemeinsam mit Studierenden, wie sich diese Kontexte für den Mathematikunterricht nutzen lassen: Welche mathematischen Kompetenzen können Schüler daran entwickeln, und wie lassen sich die esoterischen Deutungen kritisch thematisieren? Drittens interessiert mich das Potenzial für die Wissenschaftskommunikation. Wie können solche Themen Neugier auf Mathematik wecken, welches mathematische Wissen kann in diesem Kontext verständlich vermittelt werden und wie kann dabei gleichzeitig über esoterische Vorstellungen aufgeklärt werden? 

Hattest du einen echten Aha-Moment, seitdem du dich damit beschäftigt hast?
Oh ja, viele! Seit ich mich damit beschäftige, habe ich unglaublich viel gelernt. Das Thema steckt voller Rabbit Holes: Hinter jeder Entdeckung eröffnen sich neue Fragen und Zusammenhänge. Bei der Vorbereitung eines Vortrags zur „Zahl des Tieres“ hat mich beispielsweise verblüfft, welche mathematischen Eigenschaften die Zahl 666 besitzt. Noch überraschender war, dass auch viele Mathematik-Kolleg:innen diese Eigenschaften nicht kannten, als ich den Vortrag in verschiedenen Fachkolloquien hielt. Selbst für Mathematiker:innen gibt es hier noch einiges zu entdecken!

Ein zweiter, eher ernüchternder Aha-Moment war meine Beschäftigung mit der Anthroposophie. Je mehr ich darüber lernte, desto schockierter war ich, wie weit dieses esoterische Weltbild in unsere Gesellschaft hineinreicht, etwa in den Waldorfschulen und der biologisch-dynamischen Landwirtschaft. Und eine dritte Erkenntnis hatte ich bei der Beschäftigung mit dem Pentagramm: Es hat natürlich keine magische oder satanische Wirkung, aber seine Geschichte und seine mathematischen Eigenschaften sind wahnsinnig faszinierend. Es ist also so, dass man die vermeintliche Magie entzaubern kann, aber die Faszination des Gegenstands bleibt trotzdem erhalten!

Verändert diese andere Perspektive auf die Welt der Zahlen deinen Blick auf die Mathematik?
Ja, vor allem erweitert sie meinen Blick darauf, was Zahlen für Menschen bedeuten. Eine Zahl ist für die Mathematik wegen ihrer mathematischen Eigenschaften interessant. Menschen verbinden mit ihr aber auch Hoffnungen, Ängste oder die Vorstellung einer verborgenen Ordnung. Mich mit diesen Deutungen zu beschäftigen, macht mir noch einmal bewusster, wie eng Mathematik und Kultur miteinander verwoben sind.

Hast du den Eindruck, du erreichst mit deinem Thema eine andere Zielgruppe als mit deinen anderen WissKomm-Initiativen? 
Mein WissKomm-Programm „“ ist noch relativ neu, deshalb kann ich das bislang nur eingeschränkt beurteilen. Meine Erfahrung mit Wissenschaftskommunikation ist aber, dass sich viele Menschen von rein mathematischen Themen weniger angesprochen fühlen. Ein rätselhaftes Symbol oder eine vermeintlich unheilvolle Zahl kann dagegen Neugier wecken – auch bei Menschen, die von sich sagen, Mathematik sei nichts für sie. Meine Idee ist deshalb, über die Verbindung von Kulturgeschichte, okkulten Vorstellungen und mathematischen Entdeckungen einen weiteren Zugang zur Mathematik zu schaffen. Wer wegen der Geschichten über das Pentagramm oder die Zahl 666 kommt, entdeckt dabei vielleicht auch, wie spannend Mathematik sein kann.

Du berührst mit deiner Arbeit Themenfelder, in denen Verschwörungsmythen verbreitet und teils wissenschaftsskeptische Ansichten geteilt werden. Wie geht es dir damit?
Das beunruhigt mich. Und dadurch ist es zugleich ein wichtiger Grund, mich damit auseinanderzusetzen. Zwischen bestimmten esoterischen Strömungen, Verschwörungserzählungen und rechtsextremen Ideologien gibt es viele Verbindungen. In meinen Vorträgen thematisiere ich deshalb auch Erzählungen über angebliche satanische Verschwörungen sowie rassistische Vorstellungen in der Geschichte der Theosophie und Anthroposophie. Hier geht es um Erzählungen, die Feindbilder schaffen und Menschen abwerten. Mir ist wichtig, diese Zusammenhänge sichtbar zu machen. Ich möchte mit meiner Arbeit auch dazu beitragen, solche Vorstellungen kritisch zu bewerten und dem gesellschaftlichen Rechtsruck sowie dem Esoterik-Boom entgegenzuwirken.

Würdest du soweit gehen zu sagen, dass sich Wissenschaftler:innen stärker in diesen Räumen bewegen müssen?
Über Esoterik und Verschwörungserzählungen aufzuklären und ihre Behauptungen kritisch einzuordnen, halte ich für eine wichtige Aufgabe von Wissenschaftler:innen, wenn es ihr Fachgebiet berührt. Sich gezielt in diese Gruppen, beispielsweise in ihre Social-Media-Kanäle, zu begeben und dort dagegenzuhalten, ist allerdings eine andere Sache. Dabei kann man sich ziemlich aufreiben.

Ich kann mich selbst manchmal nicht zurückhalten und kommentiere kritisch unter einem Esoterik-Beitrag auf Instagram oder TikTok. Wenn dann die Reaktionen kommen, bereue ich es häufig schon wieder. Gelegentlich nutze ich solche Diskussionen gezielt, um meine Argumentation zu trainieren und zu schärfen. Aber das ist definitiv keine allgemeine Empfehlung: Dafür braucht man eine sehr dicke Haut und muss wissen, wann man aussteigt.

Wer sich für das Thema interessiert, wird bei einem deiner Vorträge (Beispiele nennen) mehr erfahren. Hast du darüber hinaus noch Lesetipps? 
Wer neugierig geworden ist, kann beispielsweise am 29. Oktober meinen bei der Veranstaltung von 12MIN.ME im Transferzentrum besuchen. An der VHS Heidelberg spreche ich außerdem am und am .

Zum Thema gibt es unzählige Bücher. Einen gut zugänglichen Einstieg bieten Harro Heusers „Die Magie der Zahlen. Die seltsame Lust, die Welt zu ordnen“ und Underwood Dudleys „Die Macht der Zahl. Was die Numerologie uns weismachen will“. Darüber hinaus schreibe ich gelegentlich über diesen Themenbereich.

Welche Pläne hast du für die kommenden Monate? Dürfen wir noch mehr Auftritte von dir zu dem Thema erwarten?
Ich habe gerade erst angefangen! Die nächsten Vorträge sind schon in Vorbereitung, und es gibt noch jede Menge Zahlen, Symbole und Geschichten zu erkunden. Weitere Auftritte sind also auf jeden Fall geplant. Die aktuellen Vortragstermine findet man immer auf der Website von “”.

Interview: Max Wetterauer
Bild: Birgitta Hohenester

P
Tel.: +49 6221 477-671
presse@ph-heidelberg.de
Altbau