Vor dem Hintergrund erstarkender demokratiefeindlicher und autoritärer Strömungen bedarf es einer Stärkung der politischen Bildung in allen Schulformen. Darüber hinaus gewinnt politische Bildung in Verbindung mit dem Begriff der Demokratiebildung zunehmend als Aufgabe für die gesamte Schule an Bedeutung. Das Fach Politikwissenschaft an der PH Heidelberg setzt sich mit diesen Themen in ihrer Forschung auseinander und geht verstärkt in den Diskurs mit Akteur:innen außerhalb der Hochschule.
Demokratiebildung wird als ein Prozess verstanden, in dem junge Menschen demokratische Werte, Haltungen und Handlungsmöglichkeiten erwerben. Aus politikwissenschaftlich-didaktischer Perspektive stellt Demokratiebildung eine Verbindung aus demokratischen Sozialisationsprozessen und politischer Bildung dar.
Im Fokus der Forschung stehen schulische Bildungsprozesse, in denen der Schritt vom sozialen zum politischen Lernen gelingen soll. Beispiele finden sich in Bezug auf den Klassenrat, in Kinderparlamenten, im Gemeinschaftskundeunterricht oder im Rahmen demokratischer Schulentwicklung. Lehrkräfte, Schüler:innen, Unterrichtsmaterialien und schulische Rahmenbedingungen werden dabei im Hinblick auf ihre Bedeutung für demokratische Bildung untersucht.
In empirischen Studien analysieren wir, welche Vorstellungen von Demokratiebildung in Schulen existieren und wie Beteiligungsformate konkret ausgestaltet sind. Dabei wird beispielsweise untersucht, ob diese Formate vor allem auf soziales Lernen (Kooperation, Empathie, Konfliktlösung) abzielen oder ob sie tatsächlich politische Lernprozesse anstoßen, etwa durch die Diskussion von Interessenskonflikten, demokratische Entscheidungsfindung oder Auseinandersetzungen mit Machtfragen.
Forschungsfragen:
- Wie kann politische Bildung als Grundlage wirksamer Demokratiebildung in schulischen Kontexten verankert werden?
- Welche didaktischen Konzepte unterstützen den Übergang vom sozialen zum politischen Lernen?
- Welche institutionellen, curricularen oder kulturellen Bedingungen fördern oder behindern eine politische Demokratiebildung in der Schule?
Gouvernementalitätsanalysen untersuchen, wie spezifische Rationalitäten, Verfahren und Praktiken auf das Denken und Handeln von Individuen und Gruppen in schulischen Kontexten einwirken. Ziel ist es, die Bedingungen, Technologien und Folgen solcher Steuerungsprozesse zu rekonstruieren und im Hinblick auf die Hervorbringung bestimmter Subjektformen und deren Bedeutung für politische Bildung zu analysieren.
Im Zentrum der Forschung stehen Lehrkräfte und Schüler:innen, aber auch bildungspolitische Steuerungsmechanismen und institutionelle Strukturen. Die Analyse richtet sich darauf, wie sich in diesen Konstellationen Vorstellungen von Selbstverantwortung, Anpassung oder Partizipation formieren und auf politische Bildungsprozesse auswirken.
Untersucht wird etwa, wie Feedback- und Bewertungssysteme in Schulen nicht nur Leistung dokumentieren, sondern auch normative Erwartungen an das gute Subjekt transportieren. Welche Vorstellungen von Selbstdisziplinierung, Anpassungsfähigkeit oder Leistungsbereitschaft werden dabei vermittelt und in welchem Verhältnis stehen solche Subjektivierungen zu politischer Mündigkeit?
Forschungsfragen:
- Welche Rationalitäten und Steuerungslogiken prägen politische Bildung im schulischen Feld?
- Welche Verfahren wirken auf das Handeln und Selbstverhältnis von Schüler:innen ein?
- Welche subjektivierungsbezogenen und didaktischen Konsequenzen ergeben sich daraus für politische Bildung?
Die Didaktik der politischen Bildung beschäftigt sich mit der Frage, wie politisches Lernen inhaltlich, methodisch und konzeptionell gestaltet werden kann. Im Zentrum steht die Förderung politischer Urteils- und Handlungsfähigkeit sowie die Entwicklung eines fundierten politischen Wissens, das mit Einstellungen und Bereitschaft zur gesellschaftlichen Teilhabe verbunden ist.
Im Fokus stehen schulische Lehr-Lern-Prozesse im Politik- und Gemeinschaftskundeunterricht, aber auch in projektorientierten oder fächerübergreifenden Bildungsformaten. Die Forschung richtet sich auf didaktische Entscheidungen von Lehrkräften, institutionelle Rahmenbedingungen, Bildungsmaterialien und auf die Wahrnehmungen und Erfahrungen der Schüler:innen im Umgang mit politischen Themen.
Analysiert wird beispielsweise, wie politische Kontroversität im Unterricht umgesetzt wird und ob Schüler:innen befähigt werden, unterschiedliche Perspektiven zu erkennen, begründet zu bewerten und eigene Standpunkte zu entwickeln. Gleichzeitig wird untersucht, inwiefern der Unterricht an den Interessen und Erfahrungen der Lernenden anknüpft, ohne dabei auf kritische Auseinandersetzung zu verzichten.
Forschungsfragen:
- Wie kann politisches Lernen gestaltet werden, um eigenständiges Denken, verantwortliches Handeln und demokratische Teilhabe zu fördern?
- Welche didaktischen Zugänge unterstützen die Auseinandersetzung mit politischen Konflikten und Widersprüchen?
- Wie lassen sich Perspektiven, Erfahrungen und Interessen von Schüler:innen in politische Bildungsprozesse integrieren?
Wie lernen Kinder Demokratie? Nicht allein durch Wissen über Regeln und Institutionen, sondern vor allem durch eigenes Erleben, Mitgestalten und gemeinsame Entscheidungen. Genau hier setzt das KiPa-Pilotprojekt „Kinderparlamente“ der Pädagogischen Hochschule Heidelberg in Kooperation mit dem Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg an.
Im Projekt werden an vier Startchancen-Grundschulen der Region Heidelberg strukturierte und inklusive Kinderparlamente für Schüler der dritten und vierten Klassen eingeführt. Die Kinderparlamente schaffen einen geschützten Erfahrungs- und Erprobungsraum, in dem Kinder demokratische Prinzipien praktisch kennenlernen: zuhören, diskutieren, unterschiedliche Perspektiven aushalten, gemeinsam Entscheidungen treffen und Verantwortung übernehmen.
Die Kinderparlamente unterscheiden sich bewusst vom Klassenrat. Im Mittelpunkt stehen keine organisatorischen Anliegen einzelner Klassen, sondern übergreifende Fragen zu Kinderrechten, Grundrechten, Toleranz, Mitbestimmung und gesellschaftlichem Zusammenleben. Demokratie wird dabei ausgehend von der Lebenswelt der Kinder entwickelt – nach dem Prinzip: „Von mir zu dir, von uns zu allen.“
Das Projekt orientiert sich am Leitfaden Demokratiebildung Baden-Württemberg und greift dessen vier zentrale Kompetenzbereiche auf:
Identität & Pluralismus
Selbstbestimmung & Autorität
Gleichwertigkeit & Solidarität
Interessen & Beteiligung
Die Umsetzung erfolgt lebensweltlich, handlungsorientiert und inklusiv. Materialien in einfacher Sprache, Visualisierungen, Peer-Unterstützung sowie barrierearme Lernsettings ermöglichen möglichst vielen Kindern aktive Beteiligung. Die Kinderparlamente greifen unterschiedliche Gesprächsanlässe aus der Lebenswelt der Kinder auf. Dabei werden sowohl soziotechnische Fragen, etwa zu Bildschirmzeiten, Mediennutzung oder dem Einsatz von Lärmampeln im Schulalltag, als auch Themen wie Kinderrechte, Mitbestimmung, Gerechtigkeit und die Frage behandelt, was gute und faire Regeln ausmacht. Ausgangspunkt sind konkrete Erfahrungen der Kinder, aus denen gemeinsam demokratische Prinzipien und gesellschaftliche Fragestellungen entwickelt werden.
Die Kinderparlamente werden von 10 Mitarbeitenden als „Demokratiebegleiter“ durchgeführt. Unter der Leitung von Dr. Christian Mühleis (Institut für Gesellschaftswissenschaften, Abteilung Politikwissenschaft) entwickeln sie die Sitzungen didaktisch vor und nach, dokumentieren die Prozesse und reflektieren ihre Erfahrungen wissenschaftlich begleitet.
Von März bis Juli 2026 finden in 18 Klassen der beteiligten Schulen Kinderparlamente statt. Den Abschluss bildet ein gemeinsames schulübergreifendes Kinderparlament an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg. Das Projekt versteht Demokratiebildung nicht als abstraktes Unterrichtsthema, sondern als gemeinsame Praxis: Kinder erleben, dass ihre Perspektiven zählen und dass demokratisches Handeln im Alltag beginnt.
Begleitende Interviews ermöglichen eine mehrperspektivische Evaluation des Projekts. Die Ergebnisse sollen dazu beitragen, Konzepte demokratischer Beteiligung im Grundschulbereich weiterzuentwickeln – insbesondere auch mit Blick auf inklusive Bildungssettings und Sonderpädagogische Bildungs- und Beratungszentren.